Wer zu viel Zeit vor Fernseh-, Computer- oder Smartphone-Bildschirmen verbringt, bekommt zwar keine viereckigen Augen, wie Kindern gerne weisgemacht wird. Aber gesund ist das ständige Starren auch nicht. Übrigens auch nicht bei analogen Dingen wie Büchern. Denn unsere Augen gewöhnen sich mit der Zeit an die ständige Ausrichtung auf kurze Distanzen. Der Augapfel wird länger, der Abstand zwischen Linse und Netzhaut nimmt zu. Gegenstände, die sich weiter entfernt befinden, können unsere Augen dann schlechter scharf stellen, wir werden kurzsichtig.
Um die Situation zu verbessern und einem Fortschreiten der Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, empfehlen Augenärzte regelmäßige Pausen und aktives, bewusstes In-die-Ferne-Schauen. Schon ein Blick aus dem Fenster kann die Augen entlasten und einer Ermüdung der Augenmuskeln vorbeugen. Noch besser wäre es allerdings rauszugehen, wie verschiedene Studien nahelegen. Als Minimum gelten demnach täglich zwei Stunden Zeit im Freien.
Unter welchen Umständen werden Kinder kurzsichtig?
Doch kann eine solche Outdoor-Augenroutine die Kurzsichtigkeit sogar verhindern, wenn sie frühzeitig angewandt wird? Ein Team um Jun Chen von der Tongji Universität in Shanghai ist dieser Frage nachgegangen und hat untersucht, wie sich die Augen von Kindern entwickeln, die regelmäßig Zeit im Freien verbringen. Dafür werteten sie die Smartwatch-Daten von fast 3000 Kindern im Alter von sieben Jahren von 16 Schulen in Shanghai aus. Über diese Daten konnten sie die Bewegungsmuster und den Aufenthaltsort der Kinder erfassen. Zudem untersuchten sie deren Augen und Sehkraft, vor und nach dem einjährigen Experiment. Die Kinder waren vor Beginn der Studie nicht kurzsichtig.
Das Ergebnis: Diejenigen, die über ein Jahr hinweg regelmäßig Zeit draußen verbrachten, wurden tatsächlich seltener und weniger stark kurzsichtig als Kinder, die nur wenig im Freien waren. Der Effekt war umso ausgeprägter, je mehr Zeit die Kinder draußen verbrachten und je mehr Tageslicht sie dabei sahen. Allerdings trat der Effekt nur ein, wenn sie dabei täglich mindestens 15 Minuten am Stück Sonneneinstrahlung von 2000 Lux oder mehr ausgesetzt waren. Im Schnitt waren die Testpersonen in dem Experiment täglich rund 90 Minuten draußen, mehrheitlich länger als 15 Minuten am Stück, und dabei 2345 Lux ausgesetzt. Zugleich verbrachten sie täglich durchschnittlich 239 Minuten mit schulischen und privaten Tätigkeiten, die Sehen auf kurze Distanz erfordern.
Rausgehen gegen Augenerkrankungen
Die Forschenden schließen aus den Daten, dass Kinder nicht nur regelmäßig Zeit draußen verbringen sollten, sondern dabei auch ausreichend viel und lange Sonnenlicht ausgesetzt sein müssen, damit ein positiver Effekt eintritt. Das sei selbst an bedeckten Tagen problemlos möglich und könnte helfen, Kurzsichtigkeit bei Kindern vorzubeugen, schreiben Chen und Kollegen. Auch das Risiko für Augenerkrankungen wie Makuladegeneration sowie grauer und grüner Star könnte dann sinken. Denn diese werden durch starke Kurzsichtigkeit begünstigt.





