Der Nobelpreisträger Sydney Brenner, der in den 1950er- und 1960er-Jahren die Pioniertage der Molekularbiologie entscheidend prägte, veranschaulichte das Dilemma einmal folgendermaßen: „Früher kamen wir zu fundamentalen Einsichten, indem wir uns das Bakterienwachstum in Kulturschalen anschauten und uns Gedanken dazu machten. Heute dagegen haben wir Abertausende von Maschinen und Rechnern, die riesige Mengen von beliebigen Daten ausspucken – und hoffen darauf, dass Computerprogramme sie irgendwie zu halbwegs bedeutsamen Mustern zusammenfügen.“
Nachvollziehbar also, dass in der „guten alten Zeit“ die Forscherzunft mannigfach Hypothesen und Theorien entwickelte, wie bestimmte Phänomene ablaufen oder zusammenpassen könnten. Anders ging es wegen der methodischen Einschränkungen ja nicht. Und so gab es auch immer wieder neue Begriffe oder Konzepte für hypothetische Akteure oder Mechanismen.
Natürlich lagen die Forscher damit nicht immer richtig. Oft gingen viele dieser schönen Theorien, Hypothesen und Konzepte gleich mit den nächsten Erkenntnissen wieder unter. Doch einige davon schafften den Sprung vom hypothetischen Konzept zur realen Größe. Eines der prominentesten Beispiele ist das Konzept des Gens: 1909 führte Wilhelm Johannsen den Begriff für die zuvor von Gregor Mendel postulierten Erbeinheiten ein, doch erst deutlich später wurden Gene als konkrete Phänomene bestätigt und danach sukzessive molekular definiert.
Plötzlich eine neue Art?
Wieder andere Konzepte ruhen seit Jahrzehnten in einer Art Dornröschenschlaf – und werden immer wieder mal vorübergehend wachgeküsst. Ein besonders schönes Beispiel hierfür ist die Hypothese der „Hopeful Monsters“ (Hoffnungsvollen Monster), die der deutschstämmige US-Genetiker Richard Goldschmidt 1940 aufstellte. Kurz zusammengefasst formulierte er damit die Möglichkeit, dass neue Arten plötzlich und übergangslos durch glückliche Zufallsmutationen entstehen könnten. Natürlich würden derart umwälzende Mutationen in nahezu allen Fällen zu fatalen Missbildungen führen, wie Goldschmidt schrieb – doch hin und wieder könnte auch eine hoffnungsvolle Neuerung entstehen, die sich quasi über Nacht als neue Art mit zuweilen völlig neuen Strukturen und Eigenschaften manifestieren könnte.
Doch damit stellte sich Goldschmidt diametral gegen das evolutionsbiologische Establishment, noch dazu mit schlechtem Timing. Denn die Protagonisten der Szene wie Ernst Mayr oder Theodosius Dobzhansky befanden sich gerade mitten in den Entwürfen zur Modernen Synthese der Evolutionstheorie, die deren Inhalte mit den Erkenntnissen der neuen Genetik wie auch anderer Disziplinen verschmelzen sollte. Und gerade hatten sie verkündet, wie die Evolution von Populationen ihrer Meinung nach voranschreitet: nämlich als Summe von Veränderungen in vielen einzelnen Genvarianten, von denen jede nur einen klitzekleinen Effekt auf die Erscheinungsform – den Phänotyp – hat. Die Evolution, das war damit Dogma, verlaufe sehr, sehr langsam und streng graduell.





