Des Vaterlandes Dank ist euch gewiß!“ Motiviert durch dieses Versprechen und in der Überzeugung, daß Deutschland von seinen Feinden in diesen Krieg gezwungen worden war, gingen deutsche Soldaten im August 1914 an die Front. Vertreter der unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten – Militärs, Künstler, Mediziner, Psychologen und Politiker – begrüßten den Beginn des Krieges als „reinigendes Stahlbad“ und Abhärtungskur für den modernen, nach langen Friedensjahren scheinbar „verweichlichten“ Mann. Die Idee vom Krieg als heroischem Männlichkeitsritual ging allerdings ebenso fehl wie die Diagnose der Militärs, nach der die neuen Schnellfeuerwaffen nur noch kleinste, einfach zu hei?lende Wunden verursachen würden. Die Einschätzung, daß der moderne Krieg kaum ernsthafte Opfer fordern würde, erwies sich sehr bald als falsch: Neben dem Tod auf dem Schlachtfeld gehörte die psychische und vor allem physische Invalidität zu den extremen Erfahrungen, denen die Soldaten aller kriegführenden Nationen im Ersten Weltkrieg ausge?setzt waren und mit deren sozialen und kulturellen Folgen sich die Nachkriegsgesellschaften auseinandersetzen mußten. In den europäischen Ländern er?litten insgesamt über acht Millionen Männer dieses Schicksal. Damit hatte der Weltkrieg als industriell organisierter Massenkrieg zumindest auf europäischem Boden das Faktum der Kriegsbeschädigung und vor allem die öffentlich sichtbare Figur des Kriegsbeschädigten erstmals zu einem schockierenden Massenphänomen gemacht. Allein in Deutschland waren es rund 2,7 Millionen Männer, die mit irgendeiner Form der inneren oder äußeren Versehrung, psychisch krank und in ihren seelischen Grundfesten erschüttert, mit entstellenden Gesichtsverletzungen oder erblindet und amputiert, als hilflose menschliche Wracks aus dem Krieg zurückkehrten. In der Euphorie des Kriegsbeginns und der ersten militärischen Erfolge war es eine diffuse Mischung aus Ehrfurcht, Begeisterung und Dankbarkeit, die den direkten Umgang und die Haltung der deutschen Zivilbevölkerung gegenüber den Kriegsversehrten bestimmte. Der Begriff des „Kriegskrüppels“ wurde mit großem Pathos als „Ehrenbezeichnung“ aus der Taufe gehoben und gegen alle Widerstände verteidigt: Man fühlte sich im Innersten dem Leiden jener Männer verpflichtet, die an der Front zwar nicht ihr Leben, aber doch ihre Gesundheit bzw. einen Teil ihres Körpers „fürs Vaterland“ gelassen hatten. Die Beschädigung des Körpers wurde als Zeichen für männliches Heldentum gelesen und mit nationaler Verehrung bedacht. Der kriegsversehrte „Held“ war die Verkörperung eines moralischen Imperativs und konnte damit zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe umgedeutet werden: Er bot so die Möglichkeit der Teilhabe und der positiven, aber ungefährli?chen Identifikation mit seinem „Blutopfer“. Der demonstra?tive Umgang mit den Kriegsinvaliden in den Lazaretten konnte zugleich als Dienst am Vaterland interpretiert werden: Hier ergab sich auch für Frauen eine Chance zu eigenem Engagement, etwa in der Krankenpflege und in der priva?ten Kriegsversehrtenfürsorge, und damit eine Möglichkeit der aktiven Identifikation mit der Nation. So wurde der versehrte Männerkörper als Teil des deutschen „Volkskörpers“ symbolisch besetzt und national überhöht.




