Viele Chancen in unserem Leben ergeben sich durch Menschen, mit denen wir vernetzt sind. Wer gute Kontakte zu Menschen in wichtigen Positionen hat, findet leichter eine gut bezahlte Arbeitsstelle, hat einen besseren Zugang zu Informationen und eine gute Ausgangslage für weiteren sozialen Aufstieg. Andersherum bleiben benachteiligte Gruppen oft am Rand des gesellschaftlichen Netzwerks. Sie haben vor allem Kontakte mit Menschen in einer ähnlichen Situation, die selbst ebenfalls kaum mit einflussreichen Personen vernetzt sind. Denn in den meisten Fällen gilt das Prinzip der sogenannten Homophilie: Wir gehen bevorzugt Beziehungen mit Menschen ein, die uns selbst ähnlich sind.
Strukturelle Benachteiligung
„Wenn sich Mehrheitsgruppen bevorzugt untereinander vernetzen, entsteht eine strukturelle Unsichtbarkeit für Minderheiten“, sagt Samuel Martin-Gutierrez von der Universität Graz. Bisherige Studien haben für viele einzelne Identitätsmerkmale – darunter Geschlecht, Herkunft und sozioökonomischen Status – nachgewiesen, wie diese zu einer systematischen Diskriminierung beitragen. Unklar war allerdings bisher, wie sich dieser Effekt auswirkt, wenn mehrere Benachteiligungen zusammenkommen.
Um diese sogenannten intersektionalen Ungleichheiten zu erfassen, entwickelten Martin-Gutierrez und sein Team ein mathematisches Netzwerkmodell, das vorhersagt, welche Personen miteinander befreundet sind, unter anderem abhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Ethnie. Dieses Modell testeten die Forschenden mit realen Daten von über 40.000 US-amerikanischen Jugendlichen auf der High School, die in einer großen Erhebung in den Jahren 1994/95 angegeben hatten, mit welchen ihrer Mitschüler sie befreundet waren.
Unerwartete Netzwerke
Das Ergebnis: „Wenn eine Person mehreren benachteiligten Gruppen gleichzeitig angehört, addieren sich die Auswirkungen nicht nur – sie können sich auf nichtlineare und manchmal unerwartete Weise verstärken“, erklärt Martin-Gutierrez. So zeigte sich, dass weiße Jugendliche besser vernetzt waren als Angehörige anderer Ethnien. Zudem neigten Mädchen stärker als Jungen dazu, sich gegenseitig als Freundinnen zu nominieren, sodass weibliches Geschlecht mit Blick auf das soziale Netzwerk ein Vorteil war. Dementsprechend hatten weiße Mädchen das stärkste soziale Netzwerk. Jungen mit asiatischem Hintergrund dagegen waren überproportional stark benachteiligt. In diesem Fall addierten sich die Nachteile nicht nur, sondern potenzierten sich.
Doch auch vermeintliche Vorteile wurden je nach Ethnie zum Nachteil: So zählten schwarze Mädchen zu einer der am schlechtesten vernetzten Gruppen – schlechter als schwarze Jungen und deutlich schlechter als weiße Mädchen. Bei schwarzen Jungen dagegen, die ebenso wie die asiatischen Jungen eigentlich doppelt benachteiligt waren, zeigte sich ein für die Forschenden überraschendes Muster: „In manchen Schulstufen waren sie trotz zweifacher struktureller Benachteiligung besser vernetzt als andere“, berichtet Martin-Gutierrez. Aus Sicht der Forschenden zeigt das, wie komplexe Zusammenspiele von Gruppenpräferenzen, Gruppengrößen und Kontexteffekten zu unerwarteten Vorteilen führen können.





