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Doch keine neue Erdepoche
Der Mensch ist die einflussreichste Art des Planeten und verändert ihn auf eine noch nie dagewesene Weise. Viele sehen darin den Beginn einer neuen Erdepoche – das Anthropozän. Doch die Geologen, die es ausrufen könnten, lehnen ab. Eine Analyse.
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Von Juliette Irmer
Rund 15 Jahre haben Wissenschaftler darüber debattiert, ob die Epoche, in der wir leben, neu benannt werden muss in Anthropozän, das Zeitalter des Menschen. Im Frühjahr fiel der offiziell eingereichte Vorschlag in der ersten von drei Abstimmungsrunden durch: Damit wird das Anthropozän nicht in die geologische Zeitrechnung der Erde aufgenommen. Die Entscheidung hat im Frühjahr 2024 weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Auch, weil viele Menschen sie nicht nachvollziehen können: Wir zerstören Regenwälder und Korallenriffe, verseuchen die Natur mit Kunststoffen und Pestiziden und verändern das Klima. Die Folgen unseres Wirkens sind unübersehbar und so tiefgreifend, dass sie den Planeten und damit seine Geschichte verändern. Wie kann es sein, dass Geologen den Faktor Mensch trotzdem ignorieren?
Angeheizt wurde die öffentliche Diskussion auch durch gegensätzliche Positionen der Experten: Einige Wissenschaftler hatten sich sehr für die Ausrufung des Anthropozäns eingesetzt. Nachdem die Ablehnung durch das erste Gremium bekannt geworden war, brachten sie gar Unstimmigkeiten bei der Abstimmung ins Spiel. Bei einer erneuten Abstimmung stellten sich allerdings auch die höchsten geologischen Gremien nahezu einstimmig hinter das Nein. „Das war keine Überraschung“, stellt Thomas Litt von der Universität Bonn fest. Er ist bei der Internationalen Kommission für Stratigraphie (ICS) Mitglied der Unterkommission für Quartärstratigraphie – der Expertengruppe zur geologischen Bewertung der vergangenen 2,6 Millionen Jahre – und kennt die Richtlinien.
Geologische Zeitskala der Erdgeschichte
Die Arbeit der ICS trifft normalerweise kaum auf mediales Interesse. Sie besteht grundsätzlich darin, mithilfe von Gesteins- und Sedimentanalysen die 4,5 Milliarden Jahre umfassende Geschichte unseres Planeten zu rekonstruieren und sie in Äonen, Ären, Perioden und Epochen einzuteilen – mit dem Ziel, eine weltweit gültige geologische Zeitskala zu etablieren.
Insgesamt 17 Unterkommissionen sind jeweils auf eine bestimmte Zeit der Erdgeschichte spezialisiert, etwa auf das 550 Millionen Jahre zurückliegende Kambrium, eine Epoche der Erdgeschichte, als das Leben förmlich explodierte und bizarr geformte Schnecken und Stachelhäuter hervorbrachte, den Jura, die Hochzeit der Dinosaurier, oder das Quartär, den jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte. Die ICS-Kommission ist das Organ, das geologische Zeitspannen neu benennen darf, und sie wendet dabei strenge Kriterien an.
Die „Entdeckung“ des Anthropozäns
Der Begriff Anthropozän drang im Jahr 2000 ins öffentliche Bewusstsein, nachdem der Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen ihn verwendet hatte, um die globalen Auswirkungen menschlicher Aktivitäten zu beschreiben. In seinem Aufsatz „Geology of mankind – the Anthropocene“ sprach er sich dafür aus, „den Begriff Anthropozän der gegenwärtigen, in vielerlei Hinsicht vom Menschen dominierten geologischen Epoche zuzuordnen“.
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Der Terminus traf damals einen Nerv und etablierte sich rasch, weit über die Geologie hinaus. Er fand Eingang in die Philosophie, Kunst, Kultur und Politik. 2009 segnete die ICS die Bildung einer Anthropozän-Arbeitsgruppe (AWG) ab. Sie sollte prüfen, ob es eine überzeugende geowissenschaftliche Grundlage dafür gebe, das Anthropozän als eine neue stratigraphische Einheit in die geologische Zeitskala aufzunehmen.
Die Epoche des Holozäns
Laut der bisherigen Einteilung zählt unsere Zeit noch in das Eiszeitalter, das Quartär, von den Geologen untergliedert in das Pleistozän (das eigentliche Eiszeitalter) und das Holozän (die Nacheiszeit). Die Epoche des Holozäns beginnt vor 11.700 Jahren mit dem Ende der letzten Eiszeit, als die Gletscher schmelzen, die zuvor die Erde bedeckten. Es ist auch die Zeit, in der der Mensch allmählich sesshaft wird, eine Zäsur in seiner Entwicklung: Er greift erstmals aktiv in die Natur ein, um sich zu ernähren, beginnt, Äcker anzulegen, baut Getreide- und Gewürzpflanzen an und züchtet Vieh. Die Bevölkerung wächst stetig, der technische Fortschritt ist vor allem in den vergangenen drei Jahrhunderten enorm. Es entstehen Millionenstädte und der globale Handel.
Der Zeitraum der vergangenen 70 Jahre wird zuweilen als die „Große Beschleunigung“ bezeichnet, weil sich die Auswirkungen der Aktivitäten der Menschheit noch einmal vervielfacht haben.
Die menschliche Bevölkerung wächst in einem Jahrhundert von 1,8 auf 8 Milliarden. Ein Viertel der Landoberfläche gilt heute aufgrund der intensiven Nutzung durch Land- und Forstwirtschaft als geschädigt (degradiert): Die Böden erodieren, sie verdichten und versalzen, und sie sind mit Pestiziden und Dünger verunreinigt. Der Bestand an methanproduzierenden Rindern ist auf 1,6 Milliarden gestiegen. Im letzten Jahrhundert ist es um knapp ein Grad wärmer geworden, der Meeresspiegel ist um 0,2 Meter gestiegen, und die Ozeane versauern, weil sie einen großen Teil des ausgestoßenen CO2 aufnehmen. Besonders alarmierend ist auch die Geschwindigkeit des Artensterbens.
„Der Mensch hat den Lauf der Evolution in einem Ausmaß verändert, wie es für eine einzelne Art in einem einzigen Jahrhundert beispiellos ist“, sagt die Evolutionsbiologin Sarah Otto von der Universität von Britisch-Kolumbien in Vancouver, Kanada. Für viele Menschen, auch Wissenschaftler, steht damit außer Frage, dass unsere moderne Zivilisation unvergängliche Spuren hinterlässt – ein wichtiges Kriterium, um eine neue Epoche der Erdgeschichte auszurufen.
Die Geologen bestimmen die Kriterien
Die Anforderungen der Stratigraphie sind jedoch sehr spezifisch: Um einen Zeitabschnitt neu zu definieren, braucht es typische Veränderungen in den Gesteinsschichten, die weltweit gleichzeitig auftreten, und zudem einen Ort, der als Referenzpunkt dient, einen sogenannten „Golden Spike“, der die Grenze zwischen zwei chronostratigraphischen Einheiten markiert. Geologen suchen dafür etwa nach Veränderungen der Mineralstoff- oder Fossilienzusammensetzung. Diese Markierungen müssen zudem so bedeutend sein, dass sie Tausende oder sogar Millionen von Jahren in den Gesteinsschichten der Zukunft nachweisbar sind.
Die Mitglieder der Anthropozän-Arbeitsgruppe mussten also nicht nur darüber entscheiden, ob der Mensch die Zusammensetzung der Gesteine und Fossilien unter unseren Füßen dauerhaft nachweisbar verändert, sondern sie mussten sich auch auf einen eindeutigen Ausgangspunkt für ein neues Zeitintervall einigen.
Manche Experten, darunter der 2021 verstorbene Nobelpreisträger Crutzen, meinen, dass das Anthropozän mit dem Beginn der industriellen Revolution in Großbritannien Mitte des 18. Jahrhunderts begann. Damals fing der Mensch an, Kohle zu nutzen, den ersten fossilen Brennstoff. Die Verbrennung des in Kohle enthaltenen Kohlenstoffs vermochte den Energiehunger der wachsenden Weltwirtschaft weit besser zu decken als Holz, heizte die Nachfrage nach Energie aber weiter an. Später folgten Erdöl und Erdgas als fossile Energieträger. Bis heute gewinnt die Menschheit einen großen Teil ihrer Energie aus fossilen Brennstoffen und sorgt so für eine steigende Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre, die zur Klimaerwärmung beiträgt. „Die höhere CO2-Konzentration schlägt sich allerdings nicht in Gesteinsschichten nieder und ist damit kein Kriterium, das wir berücksichtigen können“, erklärt Litt.
Die AWG schlug schließlich vor, das Anthropozän im Jahr 1952 beginnen zu lassen. Mehrere zuvor durchgeführte Atombombentests führten damals zu einem radioaktiven Niederschlag. Die radioaktiven Partikel verteilten sich über den gesamten Erdball und gelangten in Böden, Korallen und Bäume. Der Plutoniumpeak lässt sich gut in den Sedimentaufzeichnungen des Crawford Lake in Kanada nachweisen, der als Referenzpunkt ausgewählt wurde. Neben künstlichen Radionukleotiden sind auch Partikel aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und das erste Auftreten von Kunststoffen in den Seesedimenten sichtbar.
„Diese Grenzziehung ist willkürlich“, findet nicht nur Litt. Die Unterkommission für Quartärstratigraphie merkt in einer Stellungnahme an, dass die Umgestaltung der Erde durch die Menschheit Jahrtausende in die Erdgeschichte zurückreicht und nicht auf ein bestimmtes Anfangsdatum festgelegt werden kann, sondern räumlich und zeitlich variierte. Die Ausrufung einer Epoche wegen Veränderungen innerhalb einer Menschengeneration sei unzulässig.
Tatsächlich führten der Beginn der Landwirtschaft, das römische Reich oder auch der Start der Eisenzeit zu einem kolossalen Holzverbrauch, der ebenfalls Spuren hinterließ. „Das Holozän gilt unter Geologen als die Epoche, die von Anfang an stark durch den Menschen geprägt ist und die unseren Planeten massiv verändert hat“, erklärt Litt, „wir können dieselbe Karte nicht zweimal spielen.“
Die wissenschaftlichen Ausführungen der Geologen passen allerdings nicht zur empfundenen Realität vieler Menschen, die Veränderungen in ihrer Umwelt beobachten und auch spüren – und zwar während ihrer Lebenszeit, in geologischen Dimensionen betrachtet, nicht einmal ein Wimpernschlag. Nicht wenige empfinden die Ablehnung der Ausrufung einer Anthropozän-Epoche daher als Verharmlosung der menschlichen Aktivität seitens der Geowissenschaften.
Streit der Experten
Ein Gefühl, das Anthropozän-Fürsprecher bestärken: „Sollte der Vorschlag (der AWG) jedoch abgelehnt werden, könnte es so aussehen, als würden wir den übergroßen Einfluss des Menschen in den letzten Jahrzehnten übersehen“, sagt der Geologe Colin Waters, Leiter der Anthropozän-Arbeitsgruppe, Ende 2023 im New Scientist, und weiter: „Das ist fast so, als würde jemand behaupten, es gäbe keinen Klimawandel.“
Der Vergleich kommt unter Fachkollegen nicht gut an: „Die Kommission als Klimaleugner hinzustellen, ist absolut inakzeptabel“, stellt Litt klar, „ich kenne keinen Kollegen, der den menschlichen Faktor bei den planetarischen Veränderungen herunterspielt.“ Mit der formalen Ausrufung des Anthropozäns löse man zudem nicht ein Problem des Planeten.
„Der Vorschlag […] wurde aus verschiedenen Gründen abgelehnt, die alle nichts mit der Tatsache zu tun haben, dass menschliche Gesellschaften diesen Planeten verändern“, sagt auch der Ökologe Erle Ellis von der Universität Maryland, der bis 2023 Mitglied der Anthropozän-Arbeitsgruppe war und austrat, weil ihm der AWG-Vorschlag zu eng gefasst war.
Ereignis statt Epoche?
Stattdessen schlagen Ellis und andere Geologen vor, das Anthropozän als ein fortlaufendes „Ereignis“ zu definieren. In der Sprache der Geologie ist ein Ereignis ein feststehender Begriff, der für einen transformierenden Prozess steht. Ereignisse stellen keine definierten Zeitintervalle mit festen Grenzen dar, sie erscheinen also nicht auf der geologischen Zeitachse, sondern können zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Teilen der Welt beginnen. Ereignisse brauchen also keinen Referenzpunkt und sie müssen nicht durch Abstimmungsrunden genehmigt werden.
Das Anthropozän stünde damit auf einer Stufe mit anderen sehr bedeutenden Ereignissen der Erdgeschichte wie dem Großen Oxidationsereignis vor über zwei Milliarden Jahren, als die Sauerstoffkonzentration in der Atmosphäre zunahm und die Entwicklung von Ein- und Mehrzellern ermöglichte, der kambrischen Artenexplosion vor 550 Millionen Jahren oder dem großen Ordovizischen Massensterben vor rund 500 Millionen Jahren.
Die Debatten rund um die Definition und die Bedeutung des Anthropozäns sollten jedoch nicht von den wahren Problemen ablenken und vor allem nicht von der Suche nach Lösungen.
Paul Crutzen schrieb am Ende seines vielgeachteten Aufsatzes: „Vor Wissenschaftlern und Ingenieuren steht eine gewaltige Aufgabe, die Gesellschaft im Zeitalter des Anthropozäns zu einem ökologisch nachhaltigen Management zu führen.“ Auch wenn der Begriff Anthropozän keinen Eingang in die geologische Zeitskala gefunden hat, schmälert dies nicht seine Relevanz – und der Appell bleibt für die Nachfolgegenerationen bestehen. //
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