Das Gespräch führte ALINA WOLF
Prof. Julia Sacher, hat der Menstruationszyklus einen messbaren Einfluss auf das Gehirn?
Sacher: Ja. Studien zeigen, dass hormonelle Veränderungen im Zyklusverlauf mit strukturellen und funktionellen Anpassungsprozessen in wichtigen Hirnregionen verbunden sind. Hauptverantwortlich sind die Schwankungen der Hormone Östrogen und Progesteron. Östrogen steht beispielsweise mit einer erhöhten Konnektivität und einem größeren Volumen des Hippocampus in Verbindung – einer Region, die essenziell für Lernen, Gedächtnis und Orientierung ist. Progesteron hingegen beeinflusst unter anderem Hirnregionen, die an grundlegenden Reaktionen auf emotionale Reize beteiligt sind. Dazu gehört etwa die Amygdala, die auch als Warnsystem unsere Angstreaktion und die Verarbeitung von Stress und Bedrohungen steuert. Das könnte auch erklären, warum manche Frauen im Verlauf des Zyklus Stimmungsschwankungen wahrnehmen.
Dr. Jellina Prinsen, welchen Einfluss hat der Menstruationszyklus auf das Herz?
Prinsen: Der steigende Progesteronspiegel während der Lutealphase, also der zweiten Hälfte des Menstruationszyklus, führt beispielsweise zu einem leichten Anstieg der Herzfrequenz – durchschnittlich um 2 bis 3 Schläge pro Minute. Für manche Frauen ist diese Veränderung spürbar, etwa in Form von verstärktem Herzklopfen. Besonders bei Frauen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Hormonstörungen können diese Schwankungen deutlicher ausfallen. Zudem zeigen Untersuchungen, dass einige Herzrhythmusstörungen nicht nur grundsätzlich bei Frauen häufiger auftreten, sondern auch von den Zyklusphasen beeinflusst werden. So können bestimmte Arrhythmien während der Lutealphase stärker ausgeprägt sein.
Was bedeutet das für die Diagnose und Behandlung von neurologischen und kardiovaskulären Erkrankungen?
Prinsen: Das begründet die Notwendigkeit einer geschlechtssensitiven Medizin. Am Beispiel der hormon-sensitiven Herzrhythmusstörungen zeigt sich: Wenn die kardiologische Überwachung außerhalb der Zyklusphasen erfolgt, in denen die vorher genannten Arrhythmien gehäuft auftreten, kann eine Diagnose verzögert oder eine Erkrankung gar übersehen werden. Ebenso gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass Symptome neurologischer oder psychiatrischer Erkrankungen, die Frauen häufiger betreffen – wie Multiple Sklerose oder Angststörungen –, im Verlauf des Menstruationszyklus in der Symptomatik variieren. Die Berücksichtigung dieser zyklischen Muster in Diagnose und Therapie könnte helfen, betroffene Frauen gezielter zu unterstützen. Außerdem beeinflussen hormonelle Schwankungen, wie der Körper Medikamente aufnimmt, verarbeitet und abbaut – darunter Schmerzmittel, Antidepressiva und Herzmedikamente. Das bedeutet, dass die gleiche Medikation je nach Zyklusphase unterschiedlich wirken kann und angepasst werden müsste.





