von KURT DE SWAAF
Biodiversitäts-Hotspot. Der Begriff ruft unweigerlich Assoziationen wach: Den meisten von uns dürften Bilder von tropischen Regenwäldern oder Korallenriffen in den Sinn kommen, von Wildnis und berstendem Leben. Die Schweiz? Eher nicht. Tatsächlich steht das kleine Alpenland auch nicht auf der Liste der artenreichsten Regionen unserer Erde, und doch werden aus der Eidgenossenschaft seit einigen Jahren immer mehr neue, bisher unbeschriebene Tierspezies gemeldet. Ihre Fundorte liegen meistens unter der Wasseroberfläche, in Flüssen und den mitunter sehr tiefen Seen. Und wer jetzt nur an kleine, unscheinbare Wirbellose denkt, der irrt sich. Fische stellen einen Großteil der Neuzugänge dar. Seit Jahrtausenden lebten sie praktisch inkognito in Schweizer Gewässern; man verwechselte sie mit bereits bekannten Arten und beachtete sie nicht weiter. Bis die Taxonomen zuschlugen.
Auch Bárbara Calegari von der Universität Bern gehört dieser Zunft an. Die Wissenschaftlerin hat sich auf Süßwasserfische spezialisiert und erforscht deren Biodiversität in Südamerika und Europa. Taxonomie ist eine Teildisziplin der Biologie. Sie hat zum Ziel, die enorme Vielfalt aller Organismen systematisch nach verwandtschaftlichen Beziehungen in verschiedenen hierarchischen Kategorien zu ordnen – Art, Gattung, Familie, Ordnung, Klasse, Stamm. Dabei kommt immer wieder Überraschendes zutage, wie eben die Neuentdeckungen in der Schweiz. So konnten Calegari und ihre Kollegen im Herbst 2025 die Beschreibungen zweier bisher unbekannter Fischspezies aus dem Einzugsgebiet von Aare und Rhein veröffentlichen. Es sind Schmerlen der Gattung Barbatula, bodenlebende Kleinfische mit einem Faible fürs Verstecken. Lange wurden alle mitteleuropäischen Schmerlen der Art Barbatula barbatula zugerechnet. Aber das hat sich radikal geändert.
Zehn verschiedene Barbatula-Spezies soll es den Taxonomen zufolge in Europa geben – plus die zwei Schweizer Neuzugänge, getauft auf die zoologischen Namen B. fluvicola und B. ommata. Dass die beiden direkt nebeneinander vorkommen, ist durchaus erstaunlich. „Phylogenetisch [stammesgeschichtlich, Anm. der Redaktion] sind sie gar nicht nah miteinander verwandt“, betont Calegari. Ihre Entwicklungslinien trennten sich schon vor etwa fünf Millionen Jahren, wie die Forscherin erläutert. B. ommata sei mehr mit Schmerlen aus der westmediterranen Gruppe verwandt; B. fluvicola stelle stattdessen eine eher alleinstehende Spezies dar. Interessanterweise unterscheiden sich, trotz geografischer Nähe, auch ihre bevorzugten Lebensräume deutlich voneinander. B. fluvicola bewohnt die Flüsse, B. ommata die Seen. Jede scheint somit eine eigene ökologische Nische gefunden zu haben. Ihr Erscheinungsbild zeigt Hinweise auf eine Anpassung ans jeweilige Habitat, erklärt Calegari. So verfügt B. fluvicola über kräftige Flossen, mit denen sich die Kleinfische in der Strömung halten können, während die gleichen Gliedmaßen bei B. ommata zarter ausgebildet sind.





