Hoch oben auf den Stämmen und Ästen der Regenwaldbäume von Fidschi wächst Squamellaria – eine besondere Aufsitzerpflanze aus der Familie der Kaffeegewächse (Rubiaceae). Von außen mag das knollenförmige Gewächs unscheinbar wirken, doch ihn seinem Inneren beherbergt es einen ganzen Apartmentkomplex aus verzweigten Hohlräumen. Die Mieter: Ameisen. Die Miete: deren nährstoffreiche Ausscheidungen. Doch einige der bis zu fünf verschiedenen Ameisenkolonien, die in der Wohnknolle leben, sind eigentlich verfeindet. Wie schafft Squamellaria es, den Frieden zwischen ihnen zu wahren?

Getrennte Wohnungen für den Frieden
Forschende um Guillaume Chomicki von der Durham University in England haben dieses Rätsel nun gelöst. Mittels dreidimensionaler Computertomografie-Scans konnten sie erstmals einen detaillierten Blick in das Innere der Squamellaria-Wohnknolle werfen und stellten dabei überraschend fest: Die Knolle besteht aus mehreren voneinander getrennten Kammern. Jede Kammer ist dabei für eine andere Ameisenkolonie vorgesehen und mit einer separaten Haustür ausgestattet. Wie wichtig diese physische Trennung zwischen den Kammern für den Frieden unter den Ameisenkolonien ist, zeigt ein Experiment, bei dem Chomicki und sein Team die Trennwände künstlich entfernten. Das Ergebnis war deutlich: Die zuvor friedlichen Mitbewohner lieferten sich nun heftige Kämpfe, bei denen auf beiden Seiten zahlreiche Arbeiterinnen starben. Bei intakten Trennwänden lebten die Ameisen jedoch harmonisch zusammen und teilten sich sogar Nahrungsquellen außerhalb der Pflanze ohne Konflikte.
Hinter dem cleveren Wohnkomplex steckt allerdings keineswegs die Nächstenliebe von Squamellaria, sondern vielmehr deren purer Egoismus. „Diese Pflanzen haben diese Kompartimente nicht zum Wohle der Ameisen entwickelt – nein, sie haben es zu ihrem eigenen Wohl getan. Denn je mehr Ameisen in einer Knolle leben, desto mehr Nährstoffe stehen der Pflanze zur Verfügung“, betont Chomicki. Mit ihrer besonderen Anpassung sichert sich Squamellaria somit eine wertvolle Versorgung mit Dünger, die ihr Wachstum fördert. Einige Ameisenarten kultivieren die Pflanze sogar aktiv, indem sie deren Samen in Baumritzen einbringen.
Ökologisches Rätsel gelöst?
Gleichzeitig wirft Squamellaria aber auch neues Licht auf ein grundlegendes ökologisches Rätsel: Wie gelingt es verschiedenen Arten, die eigentlich Konkurrenten oder sogar Feinde sind, dauerhaft friedlich zusammenzuleben – insbesondere, wenn sie alle vom selben Wirt abhängig sind? Die klassische ökologische Theorie besagt, dass solche Gemeinschaften höchst instabil sind. Denn wenn nicht miteinander verwandte Symbionten um dieselben begrenzten Ressourcen des Wirts konkurrieren, führt das oft zu Konflikten. Diese Rivalität kann so stark werden, dass sie die gesamte Partnerschaft gefährdet oder sogar zum Zusammenbruch bringt. Aber in der Natur gibt es trotzdem überraschend viele Symbiosen, bei denen eine einzige Wirtsart mit mehreren Partnern gleichzeitig Beziehungen eingeht. Wie ist das möglich?





