Von RAINER KURLEMANN
Pewek ist die nördlichste Stadt Russlands. Der kleine Küstenort auf einer Halbinsel im östlichen Sibirien ragt in das Nordpolarmeer hinein. Die unwirtliche Region mit sehr kalten und langen Wintern ist die Heimat des indigenen Volks der Tschuktschen. Doch nicht sie haben die Stadt Pewek geprägt, sondern die Arbeiter, die vor einigen Jahrzehnten von der sowjetischen Regierung geschickt wurden, um in den umliegenden Minen Gold, Kupfer oder Platinmetalle abzubauen. Mit der Schließung vieler Bergwerke schrumpfte die Einwohnerzahl Peweks auf heute weniger als 6000 Menschen. Doch nun steht die wirtschaftliche Wiedergeburt der Hafenstadt bevor. Bester Beweis dafür ist das Schiff „Akademik Lomonossow“, das seit dem 14. September 2019 im Hafen ankert. Die „Akademik“ ist ein schwimmendes Atomkraftwerk. Es soll die Energie für einen Komplettumbau der Region liefern und dann 100 000 Menschen mit Strom versorgen.
Pewek gehört zu den sechs Hafenstädten im Norden Russlands, die Wladimir Putin bis 2035 in einem Mammutprojekt zu neuen Knotenpunkten für die internationale Seefahrt machen will. Die kleinen Städtchen liegen an der sogenannten Nordostpassage, einer Schifffahrtsroute von Norwegen entlang der finnischen und russischen Küste bis zur Beringstraße, die den Weg von Europa nach Asien und Nordamerika öffnet. Eine gut befahrbare Route durch das Polarmeer wäre für die Reeder höchst attraktiv, würde sie den Schiffen doch viel Zeit und Treibstoff sparen. Der Seeweg von Japan zum europäischen Hafen Rotterdam würde sich um 7000 Kilometer verringern, das entspricht einem Drittel der üblichen Strecke durch den Suezkanal. Die Reisezeit wäre um zwei bis drei Wochen kürzer. Mit einer solchen Route würden sich die globalen Handelswege komplett verändern, China und der weitere asiatische Markt könnten ihre Waren deutlich schneller nach Europa liefern.
Noch dauert es, bis der Suezkanal diese Konkurrenz im hohen Norden fürchten muss. Derzeit passieren weniger als 100 Schiffe pro Jahr die Nordostpassage. Der östliche Teil in der Region Pewek ist meist durch dickes Packeis versperrt und kann nur wenige Monate ohne fremde Hilfe durchfahren werden. Wenn ein Frachtschiff jedoch von einem russischen Eisbrecher begleitet werden muss, ist der wirtschaftliche Vorteil der kurzen Strecke schnell dahin.
Die Klimaerwärmung bringt die Wende
Doch nun lässt der Klimawandel das Eis auf dem Polarmeer schwinden. In der Region verändern sich die Temperaturen dramatisch, in Westrussland und Ostsibirien war es 2022 um sechs Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Im Jahr 2020 konnten ein Flüssiggastanker und kleines Containerschiff erstmals schon im Mai von Russland nach China fahren, vorher war der Streckenabschnitt üblicherweise nur zwischen Juli und November befahrbar. Experten schätzen nun, dass der Seeweg durchs Polarmeer in 15 bis 20 Jahren komplett eisfrei sein wird.





