Große Investitionen müssen sich lohnen. Beim Vergleich von Aufwand und Ertrag lassen sich die Gewinne und Verluste beziffern. So stellt sich die nüchterne Frage: Lohnten sich die Stiftung des Bistums Bamberg 1007 und sein zielstrebiger Ausbau bis 1024? Heinrich II. und Kunigunde setzten vor fast tausend Jahren eine ungeheure Energie, ihre ganze Autorität und einen Großteil ihres verfügbaren Besitzes dafür ein. In verschwenderischer Fülle gelangten Reliquien, Goldschmiedearbeiten, liturgisches Gerät, Bücher, Güter und Rechte in das neue geistliche Zentrum am östlichen Rand des Reichs. Sein Handeln erklärte der Herrscher aus göttlichem Auftrag und irdischer Hoffnung auf Erinnerung, auf Memoria. Seine Erwartungen wurden weit übertroffen.
Bald nach seinem Tod am 13. Juli 1024 in Grone (heute Göttingen) kamen Heinrichs Gebeine in die neue Bamberger Kathedrale. Die Bestimmung zur Grablege mag ein Grund für die großartige Ausstattung gewesen sein. Hier teilte sich der kinderlos gebliebene Kaiser sein Andenken nicht mit anderen Wohltätern oder Förderern. Der Bamberger Klerus pflegte die Erinnerung an das Stifterpaar ganz exklusiv, während sich die beiden Vorgänger Heinrichs II. in ihren Grablegen das Totengedenken teilen mußten, Otto II. mit den vielen im römischen Petersdom bestatteten Päpsten, Otto III. mit dem Aachener Stifter Karl dem Großen. Ein neu gegründetes Bistum versprach dagegen wirkliche Erinnerungs-Exklusivität. Und tatsächlich erhielt sich die Bamberger Dankbarkeit über ein ganzes Jahrtausend.
Den Glanzpunkt bildete die Heiligsprechung Heinrichs durch Papst Eugen III. 1146. Bis heute stellt das Heinrichsfest am 13. Juli einen Höhepunkt im liturgischen Kalender Bambergs dar. Die Kinderlosigkeit, in der adligen Welt des Mittelalters vielfach als Katastrophe empfunden, trug Heinrich II. neben anderen Lebensleistungen die Heiligsprechung ein. Die Nachgeborenen erklärten sie mit einer “Josefsehe”, in der beide Ehepartner freiwillig auf sexuelle Vereinigung verzichteten. Die Papsturkunde von 1146 nennt als Begründung der Kanonisation an erster Stelle die Keuschheit des Kaisers. Dann folgen die Gründung der Bamberger Kirche und vieler anderer, die Wiederherstellung bischöflicher Sitze und die vielfältige Freigebigkeit seiner Spenden, die Bekehrung König Stephans und ganz Ungarns sowie mehrere Wunder. Zusammenfassend argumentiert Papst Eugen III.: “Darunter halten wir für besonders bemerkenswert, daß er nach Empfang von Krone und Szepter des Reichs nicht kaiserlich, sondern geistlich lebte. Obwohl er eine rechtmäßige Ehegemeinschaft eingegangen war, bewahrte er bis ans Lebensende unversehrte Keuschheit, was – wie man liest – nur wenigen gegeben ist.”
Eigentlich hatte Heinrich II. zu Lebzeiten alles getan, um den Eindruck solcher Enthaltsamkeit zu verwischen. Die Sicherung der dynastischen Nachfolge galt schließlich als vornehme Pflicht des Herrschers. Darum betonte er in Urkunden für Kaufungen und Paderborn, daß er mit seiner Frau Kunigunde als “zwei in einem Fleisch” lebe. Schon bei der Begründung des Bistums Bamberg gab der Herrscher aber sein Wissen um die Kinderlosigkeit preis. Er setzte Gott zum Erben ein und trug dem neuen Bistum die Pflege seines Vermächtnisses auf. Der Bamberger Klerus übersah Heinrichs Präsentation eines normalen Ehelebens und erdachte sich die geistliche Keuschheit des Herrscherpaars. An diese Überzeugung gliederten sich ganze Legendengebäude an. Das Gerede von Heinrichs “Lendenlahmheit” löste sich im geistlichen Wissen vom vorbildlichen Verzicht auf sexuelle Lust und eheliche Pflicht auf. Seit dem 13. Jahrhundert überstrahlten die frommen Legenden von Heinrich und Kunigunde die bösen Geschichten der Sagenerzähler.




