In vielen Religionen herrscht der Glaube, nach dem Tod oder einer späteren Wiederauferstehung werde über den Verstorbenen Gericht gehalten, um sein Leben und seinen Charakter zu bewerten. Einer solchen Prüfung musste sich der Verstorbene auch nach ägyptischer Vorstellung unterziehen: Es galt zu bestätigen, dass er sich rechtmäßig im Totenreich aufhielt. Der elementare Charakter des Totengerichts für die ägyptischen Jenseitsvorstellungen wird durch die Häufigkeit seiner Darstellung unterstrichen. Kein Motiv ist in Totenbüchern häufiger als diese Szene.
In früheren Zeiten kam dieses Gericht keineswegs immer zusammen. Nur derjenige musste sich vor ihm verteidigen und rechtfertigen, gegen den jemand Anklage erhob; ansonsten entfiel der Prozess. Im Mittleren Reich war die Vorstellung bereits so weit verbreitet, dass sich zumindest der König grundsätzlich vor einem Gericht verantworten musste. Aber erst seit dem Neuen Reich galt dies für alle Menschen (diese Art der Entwicklung, bei der eine zunächst auf den König beschränkte Vorstellung sich nach und nach auf die gesamte Gesellschaft überträgt, bezeichnen die Wissenschaftler als Demokratisierung).
Das Bild des Totengerichts ist meist gleichförmig aufgebaut: Der Verstorbene wird von einem Begleiter, meist dem schakalköpfigen Gott Anubis, in die Gerichtshalle geführt. Ihm gegenüber sitzt Osiris, der Herrscher des Totenreichs, auf seinem Thron. Er steht einem 42-köpfigen Richterkollegium vor, das am oberen Rand aufgereiht ist und Osiris in der Verhandlung unterstützt. Um zu bezeugen, dass er sein Leben ordnungsgemäß geführt habe, trägt der Verstorbene eine Liste von Unschuldsbeteuerungen vor. Sie wird aufgrund ihrer Struktur in Anlehnung an die christliche Gottesdienstliturgie meist „negatives Sündenbekenntnis“ genannt. Der Verstorbene betont, dass er allgemeingültige Lebensregeln und Tabuvorschriften eingehalten hat, und versichert seine korrekte Amtsführung. Die Erklärungen sind kanonisch festgelegt und zahlreich überliefert:
„Ich habe kein Unrecht gegen die Menschen vollbracht. Ich habe keine Gruppe von Leuten bedrängt. Ich habe nichts Krummes an die Stelle der Maat getan. Ich weiß nichts von Sünden. Ich habe kein böses Übel getan. Ich habe nicht gelästert. Ich war nicht schwach … Ich habe keinen Diener vor seinem Vorgesetzten schlechtgemacht. Ich habe nicht geschlagen.“
Während der Verstorbene diese Aussage macht, wird sein Herz auf eine Waage gelegt. Als Gegengewicht in der anderen Waagschale dient eine Straußenfeder. Sie symbolisiert Grundwerte wie Wahrheit, Gerechtigkeit und die rechte Weltordnung (ägyptisch maat). Zu den Zeugen der Wägung zählen Götter wie Anubis und der falkenköpfige Horus. Ein Pavian überwacht das Lot der Waage, das im wahrsten Sinne des Wortes ausschlaggebend für den weiteren Verlauf ist. Das Ergebnis wird vom ibisköpfigen Thot protokolliert, der als Gerichtsschreiber fungiert…




