Sofern solche Szenen bislang überhaupt die Aufmerksamkeit von Historikern auf sich zogen, dienten sie meist als anekdotische Auflockerung sonst recht unanschaulicher politikgeschichtlicher Darstellungen.
Inzwischen hat die Forschung jedoch gelernt, solch fremdartiges oder kurioses Geschehen als Aussage über gesellschaftliche Werte- und Ordnungsvorstellungen zu lesen, die in Ritualen buchstäblich vor Augen gestellt, „inszeniert“ wurden. So wenig wie die Ordnungen blieben auch die Rituale unverändert, denn um zu überzeugen, mußten sie auch sozialen Wandel abbilden.
Diesem Problemfeld widmet sich der Heidelberger Sonderforschungsbereich „Ritualdynamik“, aus dem die Beiträge dieses Buchs stammen. Sie untersuchen Ritualkritik, die Steuerung von Emotionen durch Rituale, ihre Planung, ihre von Mißverständnissen bedrohte Ausführung, ihre Funktion als Grenzziehung und -überwindung sowie ihre Bedeutung als Ausdruck von Herrschaft. Daß damit kein nur den Fachleuten verständliches Forschungspanorama entfaltet wird, ist dem klugen Aufbau des Buches zu verdanken: Die unterschiedlichen Themenkreise werden durch eine allgemeine Einführung erschlossen, bevor jeweils mehrere, unmittelbar aus den Quellen entnommene und umsichtig erklärte Fallbeispiele folgen. Die gut lesbaren und instruktiven Beiträge führen ins europäische Mittelalter, in die antiken Kulturen des Mittelmeerraums und auf den indischen Subkontinent; vor allem machen sie neugierig auf das breite Themenspektrum eines noch längst nicht erschöpften Forschungsgebiets, das einen neuen Blick nicht nur auf alte Gesellschaften erlaubt.
Rezension: Görich, Knut




