Eine Landschaft nur aus Eis und Schnee ist etwas ganz Besonderes. Die meisten Menschen denken dabei an Kälte und Lebensfeindlichkeit. Aber immer mehr Menschen an Verlust, weil die zunehmende Klimaerwärmung der Kryosphäre – der gefrorenen, weißen Welt – besonders zusetzt.
Ich denke – jetzt im Sommer 2023 – an meine vergangenen Expeditionen in die Arktis und daran, was mich diesmal dort erwarten wird. Denn es geht wieder los in Richtung Nordpol: Im norwegischen Tromsø gehe ich am 3. August an Bord unseres Forschungseisbrechers Polarstern, um für zwei Monate im Arktischen Ozean zu forschen. Das Schiff wird tief in den eisbedeckten Ozean vorstoßen, vollgepackt mit wissenschaftlichen Geräten: vom Untereis-Roboter über schwebende und geschleppte Kameras bis zu schweren Tiefseegeräten, die autonom die Chemie des Wassers und des Meeresbodens messen. Das Team, das mich begleitet, wird mit mir untersuchen, wie das Leben im Meer auf den zunehmenden Meereisrückgang reagiert: von den Eisalgen, Ruderfußkrebsen und Stachelquallen an der Oberfläche bis zu den Seegurken, Haarsternen und Borstenwürmern über 4.000 Meter darunter, in der Tiefsee.
Ich bin sehr gespannt, was es zu entdecken gibt. Wird es einen weiteren starken Meereisrückgang geben? Wird sich das Leben im Eis und in der Tiefsee an die schnellen Veränderungen der letzten Dekaden angepasst haben oder nicht? Mit an Bord ist auch ein internationales Team von Forschenden, das mit mir neue Tiefseelandschaften und Lebewesen kartieren wird. Denn während wir viel über Veränderungen sprechen, sollten wir nie vergessen, wie wenig wir eigentlich über die Tiefsee eisbedeckter Ozeane wissen. Keine andere Region der Erdoberfläche ist so wenig erforscht.
Auf dem Forschungseisbrecher
Schon als Kind wünschte ich mir, Meeresforscherin zu sein und das Leben in den Ozeanen zu entdecken. Während meiner Doktorarbeit bin ich 1993 das erste Mal in die Arktis gereist – ich werde nie vergessen, wie merkwürdig sich die ersten Tage des Eisbrechens anfühlten. Damals hatte ich schon einige Expeditionen im Atlantik und Pazifik hinter mir und auch schon schwere Stürme erlebt. Aber es war mein erstes Mal mit dem Forschungseisbrecher im Eis. Diese Art der Seefahrt war völlig anders als alles, was ich bislang kannte. Das Eis war damals noch ein paar Meter dick, und wir hatten einige Mühe, zu unserem Zielgebiet in die sibirischen Randmeere vorzudringen. Manches Mal stand ich auf der Schiffsbrücke, schaute voraus und wunderte mich, wie ein Schiff das aushalten kann. Der Eisbrecher schiebt sich auf die Scholle, die dann irgendwann unter dem Gewicht des Schiffs krachend bricht. Manchmal war die Scholle dabei so dick, dass das Schiff sich in große Schräglage neigte, bis es dann mit einem Ruck absackte und das Eis durchbrach. In den Bordlaboren mussten wir alle Gerätschaften festklemmen, und der krachende Lärm vom stetig brechenden Eis raubte mir in den ersten Nächten den Schlaf.





