Wie lässt sich die abendländische Christenheit im Mittelalter fassen? Blickt man auf den Schutzumschlag des neuen Buchs von Martin Kaufhold, so zeigt das Bild in der Mitte die Mutter Kirche, rechts und links Klerus und Populus. Das Buch interessiert sich stärker für das Volk. Eine Geschichte des Papsttums, der Kirchenstrukturen oder der kirchlichen Ämter spielt in Kaufholds Buch eine „Nebenrolle“. Insofern ist dies eine neue Perspektive, die in drei Teilen die Vielfalt christlichen Lebens und christlicher Gemeinschaft vorstellt, erschließt und diskutiert. In den einleitenden Bemerkungen („ein anderer Blick“) plädiert Kaufhold für ein „widersprüchliches“ Bild dieser Christenheit.
Die frühe Phase war mit Schwerpunktverlagerungen vom Mittelmeerraum in die Gebiete nördlich der Alpen verbunden. Sie erscheint im ersten Teil des Buchs vor allem als Missionsgeschichte. Im Fall des Frankenreichs ging es häufig um Bekehrungen von Kriegern, die einen starken, helfenden Gott suchten. Für die gelegentliche Herstellung von Übereinstimmungen zwischen Lehre und Lebenspraxis waren in dieser Welt vor allem Mönche verantwortlich, die zugleich kontemplative Erfahrungen weitergaben. Das Christentum der Frühzeit erscheint somit eher als „formales Christentum“, das verschiedene Plätze für verschiedene Personen(gruppen) bereithielt.
Der Aufbruch des hohen Mittelalters wird gemeinhin mit dem Aufstieg des Papsttums verbunden. Diese Sichtweise bezweifelt der Verfasser mit Fragen, ob nicht sogar Gregor VII. (amt. 1073–1085) ein „fordernder, aber kein mächtiger Papst“ gewesen sei. Die Päpste waren nicht für die neuen Fragen verantwortlich, sondern die religiöse Dynamik entstand anderswo, vielfach im Umfeld der sogenannten Bettelorden. Verbunden war dies mit Diskussionen um die Deutungshoheit und mit Konflikten. Die fruchtbaren neuen Fragen hatten ihre Kehrseite in den gewalttätigen Auseinandersetzungen der Kreuzzüge.
Schon der Umfang im Gesamtwerk zeigt, welche Bedeutung der Verfasser der Umbruchphase des 11. bis 13. Jahrhunderts (Teil II) widmet. Demgegenüber fällt der dritte Teil vergleichsweise knapp aus, denn hier werden Passionsfrömmigkeit, die Stellung zu den „letzten Dingen“ sowie Reformansätze (Aufbrüche, keine Umbrüche) vorgestellt. In summa sei im Lauf eines Jahrtausends aus der Religion von wenigen Mächtigen eine „Volksreligion“ geworden. War dann – so könnte man nach Lektüre fragen – die Reformation in Deutschland auch eine Abkehr von dieser Volksreligion?
Das Buch bietet zahlreiche Einsichten und neue Interpretationen, über die man nächtelang diskutieren kann. Der sehr leserzugewandte Stil („dann erschienen die Franziskaner auf der Bildfläche, die auftraten, als seien sie am See Genessaret dabei gewesen“) regt dies geradezu an. Dabei wird man auch fragen, welche Christenheit jeweils im Fokus steht. In den Anfängen dürfte der Mittelmeerraum ein etwas anderes Bild bieten als das zentral behandelte Frankenreich. Besonders bedenkenswert scheint, dass die verschiedenen Neuanfänge, die Kaufhold für das hohe Mittelalter hervorhebt, den Aufstieg des Papsttums erst ermöglichten. Hier trifft sich dann doch die moderne Papsttumsforschung mit dem Anliegen von Martin Kaufhold, dem wir für dieses Buch sehr dankbar sein sollten.
Rezension: Prof. Dr. Klaus Herbers
Martin Kaufhold
Die abendländische Christenheit im Mittelalter
Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2025, 432 Seiten, € 38,–




