Allerdings blieb ich damit ziemlich allein, denn die Gesellschaft fing in den 1970er-Jahren an, die Sokratische Skepsis um ihr Gegenteil zu erweitern. Man meinte, die Menschen wüssten inzwischen zu viel, und sie sollten ihre Hände doch von den Atomen und Genen lassen. Als ob diese Grundelemente sowohl des Denkens als auch der materiellen wie der lebenden Welt jemals ihre Geheimnisse preisgeben würden! Mit jedem Fortschritt der Wissenschaft nahm doch das Mysteriöse der Dinge zu, und es wurde immer besser möglich, das von Einstein beschworene Grundgefühl zu spüren, das mit dem Erleben des Schönen in Natur und Wissenschaft einhergeht. Wer sich etwa in die Physik vertieft, kann zwar lernen, „Wissen ist Macht“, doch er kann vor allem entzückt ausrufen: „Wissen macht Freude!“. Und das treibt die Menschen und trieb den Studenten an. Plötzlich kam mir der Mitscherlich-Buchtitel nicht mehr stimmig vor. Was die Deutschen auszeichnete, war nicht ihre „Unfähigkeit zu trauern“, sondern ihre „Unfähigkeit, sich zu freuen“. Und daran halten sie bis in die Gegenwart fest, wenn sie sich aktuell nicht über die rasche Verfügbarkeit von Impfstoffen freuen, sondern lieber deren Risiken melden und fürchten.
Es ist mir ganz allgemein unbegreiflich, dass Menschen immer noch Sigmund Freud zitieren, der sowohl die Einsicht des Kopernikus über eine im Kosmos bewegte Erde als auch das Verständnis von Charles Darwin für die evolutionäre Geschichte des Menschen als Kränkung bezeichnet hat. Es ist nicht zu glauben, aber wenn Doktor Freud schreibt, dass die Zunahme des Wissens Menschen krank mache, jubeln viele Sozialwissenschaftler und fügen seiner Aufzählung weitere Kränkungen hinzu. Sollten die Forscher und Seelenärzte nicht lieber versuchen, Menschen zu helfen und ihnen vermitteln, dass Wissen Freude bereitet? Es ist diese deutsche Unfähigkeit, sich zu freuen, was mich traurig werden lässt. Wenigstens kann ich meine Trauer verarbeiten. Denn mit jedem Wissen gewinnt das Geheimnisvolle an Tiefe, und damit nimmt meine Freude an ihm zu.





