Der Islam kennt kein Kultbild und hat auch nur sehr wenige Symbole – eine Folge religiös begründeter Mißbilligung.
Islamische Kunst läßt sich daher nicht – wie etwa christlische oder buddhistische Kunst – über eine religiöse Ikonographie definieren. Ebenso wenig läßt sie sich mit der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk erklären – wie zum Beispiel die indische oder die chinesische Kunst. Vielmehr entwickelte sie sich zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert in den Kernländern der islamischen Welt, die von Marokko und Andalusien bis zum nördlichen Indien reichten, also in den Gebieten, die, mit Ausnahme der Türkei, in den rund 120 Jahren nach dem Tod des Propheten Muhammad bis zur Entstehung des abbasidischen Kalifats von muslimischen Heeren erobert wurden. Islamische Kunst ist in keiner Weise originär. Sie hat zunächst Anregungen aus der Tradition der beiden Großreiche der Alten Welt aufgenommen, deren Erbe sie angetreten hat: der hellenistisch-römischen Tradition des byzantinischen Reiches und des sasanidischen Iran. In geringerem Maße leben in ihr aber auch Formen und Ideen aus altarabischen und altvorderorientalischen Wurzeln weiter. Die Mosaikdekore des Felsendoms in Jerusalem und der Omaijaden Moschee in Damaskus etwa stehen in byzantinischer Tradition, und auch die Ausschmückung der berühmten omaijadischen Wüstenschlösser folgt in der Ornamentik sowie in üppigen Skulpturen und Reliefs (die unter anderem nackte Frauen und Männer zeigen), dem spätantiken Vorbild.
Iranisches Erbe findet sich vor allem in Metallarbeiten wie Schalen und Kannen aus Bronze, die in verflachender Qualität silberne Vorbilder der Sasanidenzeit weiterführen. In seldschukischer Zeit griff man auf Anregungen des parthischen Palastbaus zurück, als man Moscheen und Medresen mit Vier-Iwan (offene Torhallen)-Anlagen schuf.
Islamische Kunst ist eine Kunst vieler Völker. Neben den bereits genannten, haben von Anfang an nordafrikanische Berber, seit dem 9. Jahrhundert zunehmend auch Türken aus den Steppenräumen Zentralasiens, Chinesen und Inder Formen und Ideen eingebracht. Besonders prägend ist der chinesische Einfluß im Iran seit der Mongolenzeit (13. Jahrhundert) bis weit in das 16. Jahrhundert. Bei Glasurtechniken und Dekormotiven der Keramikkunst Irans in Zentralasien ist chinesischer Einfluß schon seit dem 10. Jahrhundert unübersehbar. Islamische Kunst muß nicht zwingend von Muslimen hergestellt sein. In weiten Teilen der islamischen Welt gab es große jüdische Gemeinden, in denen jüdische Handwerker nicht nur für jüdische, sondern auch für muslimische Abnehmer produzierten. In Damaskus etwa stellten Juden vom 13. Jahrhundert an bis zur Schwelle der Gegenwart silber- und kupfertauschierte Metallarbeiten (bei denen die Oberfläche von unedlen Metallgegenständen durch Einlagen andersfarbiger Drähte aus meist edlem Metall verziert wurde) her, die als hochgeschätzte Handelsgüter im gesamten Nahen und Mittleren Osten verkauft wurden. In Textilmanufakturen Ägyptens webten christliche Handwerker Stoffe mit typisch islamischem Dekor für muslimische wie christliche Abnehmer. In Isfahan/Iran arbeiteten armenische Christen als Keramiker und stellten Objekte im typisch islamischem Stil der Safawiden her. Religiöse Minoritäten paßten sich in ihrem Stil den als kulturell überlegen empfundenen muslimischen Nachbarn an…





