Warum wird der eine von Stechmücken geplagt und der andere nicht? Was macht bestimmte Menschen so viel interessanter für die Blutsauger? Und wie finden die Insekten selbst im dunkelsten Schlafraum mit deprimierender Sicherheit zu ihren Opfern?
Was Forscher nach Antworten auf diese Fragen fahnden läßt, hat nicht zum Ziel, das Sonnenbaden an deutschen Baggerseen störungsloser zu gestalten. Hierzulande sind Moskitos nur lästig. Gefährlich werden die Stiche jedoch, wenn Anopheles-Mücken die Erreger der Malaria übertragen oder Aedes-Mücken die Erreger von Dengue- und Gelbfieber. Jährlich erkranken mehr als 600 Millionen Menschen weltweit an teils lebensbedrohenden, von Mücken übertragenen Krankheiten. „Stechmücken spüren ihre Wirte noch aus 70 Meter Entfernung auf”, weiß Dr. Martin Geier vom Institut für Zoologie der Universität Regensburg. Sie nutzen dabei auch visuelle Reize, Wärme und Feuchtigkeit. Vor allem aber, so der Zoologe, lockt der vom Opfer abgegebene Geruch die Insekten an und dient ihrer Orientierung. Geiers Arbeitsgruppe arbeitet seit sieben Jahren daran, die Duft-Navigation der Fiebermücke Aedes aegypti zu enträtseln. Seit kurzem liegen die Ergebnisse der Regensburger vor. Das Tierchen wird nicht nur vom Geruch der Milchsäure angezogen, die durch menschliche Schweißdrüsen produziert wird – das ist schon länger bekannt. Geiers Verdienst ist es, die Kombination von Milchsäure mit weiteren Duftstoffen als entscheidende Voraussetzung für die Attraktivität des menschlichen Wirts bewiesen zu haben.
Diesen Synergismus beschreibt der Wissenschaftler so: „Für sich genommen wirkt Milchsäure nur schwach oder gar nicht. Erst in Verbindung mit Fettsäuren – vor allem Capronsäure – und Ammoniak ergibt sich das für Stechmücken so verlockende menschliche Duft-Bukett.” Daß Ammoniak eine so wichtige Rolle spielt, hat das Regensburger Team erstmalig beschrieben. Als verstärkender wichtiger Lockstoff fungiert Kohlendioxid. Geier: „ Die erhöhte CO2-Konzentration im Atem alarmiert die Mücken. Sie erkennen daran einen lebenden menschlichen Wirt.” Im Vergleich zur Umgebungsluft ist CO2 in der Atemwolke eines Menschen mehr als 100fach konzentriert. Auch im Atem ist die Geruchskomponente Milchsäure enthalten.
Atem und Körperduftstoffe verbreiten sich durch Luftzug oder durch Wärmekonvektion in geschlossenen Räumen. Der Wirtsgeruch stimuliert die Mücke dazu, gegen die Richtung des Luftzugs zu fliegen. Der Zoologe beschreibt die Such-Strategie eines Moskitos: „Wenn er den Duft verliert, fliegt er in immer größer werdenden Suchschleifen mit periodischen Richtungsänderungen quer zum Wind, um wieder Kontakt mit der Duftwolke zu bekommen. Sobald er sie gefunden hat, fliegt er in Gegenwindrichtung weiter.” Geiers Erkenntnisse an der Aedes-Mücke könnten Modellcharakter für andere fliegende Plagegeister haben: Erste Versuche mit Anopheles-Mücken, die er zusammen mit US-Kollegen unternahm, deuten an, daß die Malaria-Überträger für die gleichen Reizstoffe empfänglich sind wie Aedes aegypti.
Mit Blick auf die Aedes-Mücke fanden Geier und seine Mitarbeiter heraus: Menschen, deren Hautoberfläche eine hohe Milchsäure-Konzentration aufweist, werden signifikant häufiger von den Insekten belästigt. Diese chemische Fährte bestätigt Birgit Steib, eine Mitarbeiterin Geiers, in ihrer demnächst publizierten Doktorarbeit: Milchsäure ist der für Mücken mit Abstand attraktivste Bestandteil des menschlichen Duftgemischs. Menschen geben unterschiedlich viel davon über die Haut ab. Hier sieht Geier Klärungsbedarf: „Ob dafür lediglich die Schweißmenge oder auch die von Mensch zu Mensch unterschiedlich hohe Konzentration der Milchsäure im Schweiß verantwortlich ist, wurde wissenschaftlich noch nicht überprüft.”
Milchsäure ist ein wichtiger Bestandteil im Säureschutzmantel der Haut. Ihre Produktion – und damit die Anfälligkeit für Mückenstiche – künstlich zu verringern, hält der Regensburger Forscher für problematisch: „Das chemische Gleichgewicht im Schutzschild der Haut würde dadurch gestört. Schädlichen Bakterien oder Pilzen böten sich somit bessere Angriffsflächen.”
Also was tun – vielleicht den Speiseplan umstellen, um anders zu riechen? Knoblauch, der angeblich gegen Vampire hilft, schreckte in den Experimenten die stechenden Aedes-Weibchen nicht ab. Das Team fand keinerlei Hinweis darauf, daß eine bestimmte Ernährung Stechmücken fernhalten kann. Geier: „Wir hatten zwei Vegetarier unter unseren Probanden. Den einen mochten die Mücken besonders, den anderen verschmähten sie fast ganz.” Auch das weit verbreitete Gerücht, wer ein Parfum trage, sei eher Mückenstichen ausgesetzt, konnten die Wissenschaftler in ihren Experimenten nicht erhärten. Die Entwicklung eines wirksamen Mückenschutzes ist noch immer eine Gleichung mit vielen Unbekannten. So wird zwar die Substanz Diethyltoluamid (DEET) erfolgreich zur Mückenabwehr genutzt – etwa als Wirkstoff im Präparat Autan. Doch warum dieser Wirkstoff so gut funktioniert, ist unklar: • Verfälschen „Repellents” – abschrekkende Präparate – einfach die für Mücken interessanten Geruchsmuster?
• Blockieren sie die Geruchsrezeptoren der Insekten? Immerhin existieren mehr als 3500 verschiedene Arten blutsaugender Stechmücken – in Sachen Abwehr lassen sich nicht alle über einen Kamm scheren. Doch Geiers Pionierarbeit könnte künftig drohende Fieber-Epidemien frühzeitig erkennbar und gezielt bekämpfbar machen. Der Zoologe argumentiert: „Wenn klar ist, auf welchen Duft-Mix gefährliche Mücken reagieren, kann man doch entsprechende Fallen entwerfen.”
Nicht nur die plötzliche Vermehrung von fliegenden Krankheitsüberträgern würde frühzeitig erkannt: Die Überprüfung gefangener Mücken könnte zeigen, wie viele infiziert sind, also Krankheiten potentiell weiter übertragen können. Geier: „Dann könnten Bekämpfungsmaßnahmen rechtzeitig und räumlich begrenzt erfolgen.” Der flächendeckende Rund-um-die-Uhr-Einsatz umweltschädlicher Chemikalien, wie er beispielsweise in Malaria-Gebieten üblich ist, hätte ein Ende. Erste Versuche, die Labor-Erkenntnisse der Regensburger aufs Freiland zu übertragen, sind in Brasilien geplant. Dort werden immer mehr Menschen von Gelbfieber-Mücken auch mit dem lebensbedrohenden Dengue-Fieber-Virus infiziert.
Doch der Mückenexperte denkt weiter: Mit attraktiven, hochkonzentrierten Duft-Cocktails, sinniert er, könnte man den Mücken ganze Busladungen schwitzender Menschen vortäuschen – und die Biester scharenweise in ihr Verderben locken. Martin Geier ist sicher: „Das wäre die Mücken-Superfalle der Zukunft!”
Wolfgang Gessler





