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Die tägliche Dosis
Die Wahrscheinlichkeit, in westlichen Zivilisationen dement zu werden, liegt heute bei rund 50 Prozent. Etwas vereinfacht kann man sagen: Alle bekommen das. Manche haben lediglich das Glück, vorher zu sterben. Diese Krankheit ist ein Ergebnis von Alterung, und wenn wir sie verzögern können, ist das gut“, sagt Tony…
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von SUSANNE DONNER
Die Wahrscheinlichkeit, in westlichen Zivilisationen dement zu werden, liegt heute bei rund 50 Prozent. Etwas vereinfacht kann man sagen: Alle bekommen das. Manche haben lediglich das Glück, vorher zu sterben. Diese Krankheit ist ein Ergebnis von Alterung, und wenn wir sie verzögern können, ist das gut“, sagt Tony Wyss-Coray, Neurologe und Alternsforscher an der Stanford University. Nichts Geringeres versucht die Disziplin der Gerontomedizin derzeit. Sie sucht Medikamente und Therapien, die zusätzliche gesunde Lebensjahre über die heute bereits erreichbaren 80, 90 Jahre hinaus bescheren.
Semaglutid ist der Wirkstoff, der am meisten Hoffnung macht. Das Präparat wurde ursprünglich als „Abnehmspritze“ entwickelt und hilft Übergewichtigen nachweislich. Es senkt überdies den Blutzuckerpegel von Typ-2-Diabetikern. An einer Million Diabetikern zeigten US-Wissenschaftler außerdem auf, dass jene, die unter Semaglutid standen, über drei Jahre deutlich seltener an einer Alzheimer’schen Demenz erkrankten. Das Medikament schützt zu 40 bis 70 Prozent vor dem Altersleiden, halten die Autoren um William Wang von der Case Western Reserve University School of Medicine in Cleveland im Bundesstaat Ohio 2024 fest. Erklären können sich die Forschenden den schützenden Effekt auf das Gehirn bisher nicht.
Und Semaglutid schützt offenbar auch Herz und Nieren vor dem Zahn der Zeit. Das fiel in der sogenannten Select-Studie an 17.600 Übergewichtigen auf. Jene 4.000, die die Abnehmspritze erhielten, erlitten seltener Schlaganfälle oder Infarkte und litten seltener an anderen Herzproblemen. Diese verliefen auch seltener tödlich, wie die Autoren um den Kardiologen John Deanfield vom University College London ebenfalls 2024 im Fachjournal Lancet verkündeten. Dieser positive Nebeneffekt ließe sich nicht allein mit dem Gewichtsverlust erklären. Sie vermuten vielmehr, dass Semaglutid selbst das Herz-Kreislauf-System schützt.
Gesunde therapieren
Lange Zeit sah es so aus, als sei einzig der Lebensstil der Dreh- und Angelpunkt für Langlebigkeit, Stichwort: Kalorienreduktion. Sie ist in Tierexperimenten über Artgrenzen hinweg der Eingriff, der das Leben am deutlichsten verlängert. Zugleich war Wissenschaftlern von Anfang an klar, dass sich die allermeisten Menschen niemals so und vor allem nicht zeitlebens zügeln könnten. Deshalb gingen ihre Hoffnungen zum Teil auch in eine andere Richtung: „Dass der Lebensstil so viel ausmacht, beweist ja letztlich nur, dass es genetische und biologische Mechanismen der Lebensverlängerung gibt“, deutet Björn Schumacher vom CECAD Exzellenzcluster für Alternsforschung an der Universität zu Köln die Befunde um. „Dass man diese auch pharmakologisch ansprechen kann, liegt für mich auf der Hand.“
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Der Stoffwechsel scheint für die Verjüngung offenbar ein Schlüssel zu sein: Medikamente, die den Umsatz der Zellen drosseln wie Metformin oder das Zellwachstum hemmen wie Rapamycin, bremsen die Alterungsvorgänge in Tieren aus. Im Mai 2025 verlängerte beispielsweise eine Kombination aus Rapamycin und Trametinib, eine Krebsarznei, das Leben von Mäusen um 30 Prozent. Dem Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns in Köln zufolge dämpften die beiden Arzneien Entzündungszeichen in Geweben von Hunderten getesteten Tieren. Die behandelten Mäuse blieben schlanker, ihre Herzfunktion ließ mit dem Alter nicht so stark wie üblich nach und sie entwickelten seltener Krebsgeschwulste.
Doch genau das ist bisher ein Manko der Gerontomedizin: Sie kommt über Tierexperimente und Verheißungen nur mühsam hinaus. Noch immer fehlen Studien an Gesunden. „Wenn das Herz von Übergewichtigen unter Semaglutid profitiert, ist schließlich noch lange nicht gesagt, dass das für einen Gesunden genauso wäre“, beschreibt Wyss-Coray das Dilemma.
Die Nachweislücke hat auch ethische Gründe. Denn die Prüfung von Arzneistoffen weltweit verlangt eine Indikation, will heißen, eine Krankheit, gegen die sich das Medikament richtet. Die Medizin ist moralisch verpflichtet, den Kranken zu heilen, nicht den Gesunden zu protegieren. Auch die Pharmaindustrie fühlt sich offensichtlich nicht berufen, einen Paradigmenwechsel durchzufechten.
Seit 2022 hat sich die American Federation for Aging Research bemüht, die TAME-Studie (Treating Aging with Metformin) am Menschen ans Laufen zu bringen: Im Mittelpunkt stand das Antidiabetikum Metformin, das eine Gruppe von 3.000 Teilnehmern zwischen 65 und 79 Jahren bekommen sollte. Das Medikament sollte sie vor Herzinfarkten und Schlaganfällen bewahren, im besten Fall auch das Leben verlängern. Doch die Pharmaindustrie hatte kein Interesse, eine so teure Studie an 14 Zentren mit einem billigen Generikum zu finanzieren. Und nun wird die Mission durch die neuen Daten an Semaglutid auch noch auf der Forschungsseite überholt. „Diese Studie wird es nie geben“, ist Schumacher überzeugt. „Obwohl Metformin natürlich relevant wäre, wenn Geroprotektion im großen Stil für alle bezahlbar sein soll.“
Fehlende medizinische Evidenz
Unterdessen wird die Longevity-Forschung dankbar von der Nahrungsergänzungsmittelindustrie aufgegriffen, die keine medizinische Evidenz für die Vermarktung ihrer Produkte vorweisen muss. Sie verkauft einfach – etwa Nicotinamidmononukleotid, kurz: NMN. Das weiße Pulver soll Jugendlichkeit mit sich bringen und die Leistung auch im Alter noch ankurbeln. Mit den Lebensjahren fällt der Pegel von NMN im Blut auf natürliche Weise ab. Verwandt ist das Molekül mit Vitamin B3. Im Körper wird es zu Nicotinamidadenindinukleotid (NAD+) umgebaut, einer Substanz, die für viele Stoffwechselvorgänge nötig ist.
Eine der wenigen aussagekräftigen doppelblinden Studien zu NMN hat die deutsche Alternsforscherin Andrea Maier, die aktuell an der Universität Singapur arbeitet, 2023 herausgebracht: 80 gesunde Seniorinnen und Senioren bekamen entweder ein Placebo, 300, 600 oder 900 Milligramm des Nahrungsergänzungsmittels täglich über 60 Tage. Jene, die den Wirkstoff unwissentlich einnahmen, konnten hinterher in sechs Minuten eine längere Strecke zurücklegen. Besonders gut schnitten die Teams mit 600 und 900 Milligramm ab. Beschwerden traten nicht auf. Ob Maier diese Forschungen weiterverfolgt, beantwortet sie auf Nachfrage nicht. Der Erstautor der Studie Lin Yi ist jedoch Angestellter bei Abinopharm, einem Hersteller von NMN.
Nahrungsergänzungsmittel sind bei Weitem nicht so streng kontrolliert wie Medikamente. Bedenklich sollte die Käufer allerdings stimmen, dass das Bundesinstitut für Risikobewertung vom verwandten Vitamin B3 höchstens 160 Milligramm pro Tag empfiehlt, einen Bruchteil dessen, was Maier verabreichte. Und das nicht von ungefähr. In den Präparaten ist manchmal Nicotinsäure enthalten, was zum Auftreten des sogenannten Flushing führen kann: Die Haut wird rot und juckt.
Als Vitamin der Langlebigkeit kursiert auch Ergothionein, ein Molekül aus Shiitake- und Austernpilzen, das Tiere länger leben und mehr Muskelzellen bilden lässt. Forschungen unter Ägide des Leibniz-Instituts für Analytische Wissenschaften in Dortmund wiesen 2025 nach, dass die Substanz letztlich über ein Enzym den Spiegel an NAD+ erhöht. Eine geroprotektive Wirkung erscheint damit plausibel.
Mit Spannung wurden deshalb die Ergebnisse einer Studie australischer Forscher an 147 Gesunden zwischen 55 und 79 Jahren erwartet, die selbst milde Gedächtnisprobleme beschrieben. Sie erhielten 16 Wochen lang 10 oder 25 Milligramm Ergothionein oder ein Placebo. In Woche vier erledigten jene mit Wirkstoff im Blut die kognitiven Tests etwas schneller. Die Reaktionszeit verbesserte sich. Der Effekt hielt aber nicht bis zum Ende der Studie an. Verhalten positiv liest sich das Fazit der Autoren im Journal Nutraceuticals: Das Experiment weise auf gewisse Vorteile für gesunde ältere Menschen hin. Längere Studien an Personen mit niedrigeren Ergothionein-Ausgangswerten oder geringerer kognitiver Funktion seien nötig. Denn obwohl die Teilnehmenden eine nachlassende Geisteskraft beklagten, lagen ihre kognitiven Fähigkeiten sogar etwas über dem Altersdurchschnitt. Und womöglich hatten die Probanden schon vorher teils vom Vitamin der Langlebigkeit genommen; das könnte die hohen Pegel im Blut zum Auftakt der im Sommer 2025 veröffentlichten Studie erklären.
Blutwäsche zur Verjüngung?
„Wir dürfen das Feld nicht der Unwissenschaftlichkeit überlassen“, mahnt der Stanford-Forscher Wyss-Coray. „Es braucht sorgsame, groß angelegte Studien, damit wir weiterkommen.“ Verselbstständigt haben sich auch Experimente aus seiner Schublade und jener seiner Kollegin, der Alternsforscherin Irina Conboy von der University of California in Berkeley.
Conboy konnte schon 2005 zeigen, dass sich die Muskel- und Leberzellen einer älteren Maus verjüngen, wenn ihr Blutkreislauf mit einer jüngeren Maus operativ zusammengeschlossen wird. Die Nature-Publikation wird seither von Lifestyle-Instituten herangezogen, um die Blutwäsche als Verjüngungskur anzupreisen. Dabei wird das Blutplasma ausgetauscht, das 55 Prozent des Blutes ausmacht. Auch eine Potsdamer Klinik verspricht mit einer solchen Prozedur für 2.500 Euro neue Vitalität. „Unser Paper hat dafür gar keine Evidenz geliefert“, beklagt Conboy. „Es zeigte nur, dass sich – besonders in den Stammzellen – die Biomarker der älteren Maus zu einem jüngeren Zustand verschoben haben. Aber die der jüngeren Maus alterten, und dieser Effekt war ausgeprägter.“
Schlimmer noch: In nachfolgenden Arbeiten zeigte Conboy, dass der verjüngende Effekt nicht nur vom Blutaustausch herrührte, sondern daher, dass sie den Körper des alten Tiers für drei Monate künstlich mit dem eines jungen Tiers verknüpft hatte – ein drastischer operativer Eingriff, der Parabiose genannt wird und niemals beim Menschen nachgemacht würde. „Die Tiere teilen sich nicht nur das But. Auch die Nieren, das Herz und vieles mehr arbeitet in beiden Tieren zusammen“, erklärt Conboy.
Außerdem fragte sie sich, ob der Verjüngungseffekt nicht nur ein Verdünnungseffekt war. Denn in den letzten Jahren fiel ihr auf, dass Menschen und Tiere mit zunehmendem Alter schlicht zu viele von etlichen Proteinen im Blut tragen. Der Überschuss an Tausenden Eiweißstoffen ist ein Merkmal des Alterns. Da das Blut des älteren Tiers mit jungem Blut verdünnt wurde, könnten Organe schlicht entlastet worden sein.
Als Conboy das Blut von acht Personen analysierte, die sich einer Blutwäsche unterzogen hatten, entdeckte sie 2022, dass sie mit ihrer Verdünnungstheorie richtig lag: Das biologische Alter der Zellen wird infolge der Blutwäsche zu einem gewissen Grad vermindert – vor allem Signalwege, die mit Entzündung und dem Krebsrisiko in Verbindung stehen, werden normalisiert. „Der Effekt ist unmittelbar nach der ersten Blutwäsche groß. Aber nach zwei Malen gibt es keinen zusätzlichen Nutzen“, betont Conboy, und mehr noch: „Alles, was man verdünnt, kommt nach ein paar Wochen wieder; der ganze Überschuss an Proteinen.“ Sie warnt deshalb gar vor der klinischen Anwendung. Denn die Blutwäsche hat auch nachteilige gesundheitliche Effekte. „Das Verfahren schädigt die Blutzellen und belastet Leber und Nieren. Wenn man das dauernd macht, können die toxischen Nebenwirkungen die Vorteile maskieren.“
Sie sucht nun vor allem nach Schlüsselsubstanzen unter den Tausenden Proteinen, die sich mit dem Alter im Blut anhäufen. „Noch kann ich da keine Substanzen herausstellen“, bedauert sie. „Aber wenn es solche Alterstreibstoffe gibt, könnte man geroprotektive Medikamente dagegen finden.“
Unterdessen verfolgt ihr Landsmann David Furman, Biochemiker und Langlebigkeitsforscher am Buck Institute der Stanford University, die Blutwäsche als Verjüngungskur weiter. 2025 veröffentlichte er eine klinische Studie an 42 Gesunden, die sich ein- oder zweimal wöchentlich einer Blutwäsche unterzogen oder eine Scheinbehandlung erhielten. Fünfzehn unterschiedliche epigenetische Uhren zeigten eine Verjüngung des therapeutischen Plasmaaustauschs an, freut sich Furmann. Epigenetische Uhren beruhen darauf, dass sich das Ablesemuster des genetischen Codes mit fortschreitendem Alter ändert. Allerdings mussten zwei Patienten die Behandlung abbrechen. Einer von ihnen hatte auf die Gabe von Spender-Antikörpern mit Beschwerden reagiert. Diese wird notwendig, weil bei einer Blutwäsche die körpereigenen Antikörper entfernt und nachfolgend wieder künstlich zugesetzt werden müssen. Dennoch: Furmans Studie befeuert die boomende Lifestyle-Blutwäsche weiter.
Organe altern unterschiedlich schnell
Auch Wyss-Corey hat sich indes von dieser harschen, zugleich teuren Verjüngungskur abgewandt und sucht wie Conboy nach spezifischen Proteinen, die sich mit den Jahren im Blut anhäufen. „Das Blut ist wie der Stoffwechsel wahrscheinlich ein Dreh- und Angelpunkt des Alterns, da es alle Gewebe und Organe miteinander verbindet“, glaubt er. „Dennoch altern die Organe unterschiedlich schnell. Es ist wie beim Auto: Es geht nicht alles auf einmal kaputt, sondern fängt mit einem Bauteil an. Wenn wir verstehen, welches Organ vorzeitig altert, können wir vielleicht spezifisch gegensteuern.“
CCL11 ist so ein Protein, das mit dem Alter im Blut mehr wird und vorrangig das Gehirn gefährdet, jenes Organ, auf das sich Wyss-Coray konzentriert. CCL11 gehört zu den Chemokinen, die Immunzellen gezielt zu Entzündungsherden locken. Der Neurologe sucht nun nach Substanzen, die CCL11 hemmen.
Anti-Aging-Medikamente
Er ist sich sicher, dass es künftig Medikamente zum Schutz vor dem Altern geben wird. „Letztlich betreiben wir doch schon heute eine Form von Anti-Aging, wenn Personen mit zu hohem LDL-Cholesterin Medikamente dagegen nehmen oder Menschen mit Bluthochdruck Tabletten schlucken. Das dient dazu, die Gesundheitsspanne auszudehnen, weil wir davon ausgehen, dass es schlecht für das Herz ist, wenn wir das laufen lassen.“ Je zuverlässiger die Aussagekraft der Biomarker und der epigenetischen Uhren des Alterns werden, desto eher könnten Medikamente schlicht an diesen Parametern ihre Wirksamkeit beweisen, ähnlich wie ein Blutdrucksenker eben den Blutdruck senkt. Diese Abkürzung lockt das Forschungsfeld. Studien wären dann machbar und bezahlbar.
Zugleich sind die Blutdruck- und Cholesterinbehandlung ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie viel Disput noch auf die junge Disziplin wartet. Unklar ist – auch Jahrzehnte nach der Markteinführung –, ob ältere Menschen davon profitieren oder Schaden nehmen, wenn sie ihre Blutdrucksenker absetzen, fasst die Cochrane Collaboration 2025 die derzeitige Studienlage zusammen. Der langfristige Nutzen der prophylaktischen Medikamente ist noch immer umstritten.
Die Hoffnung aber versetzt bekanntlich Berge. „Ich staune, wie viele meiner Kollegen schon jetzt in gutem Glauben eigenmächtig Medikamente gegen das Altern nehmen, deren Langzeiteffekte und Wirksamkeit nicht geprüft sind“, erzählt Wyss-Coray. Was er für ein gesundes Altern tut? „Ich laufe regelmäßig und koche mit frischen Zutaten, ohne obsessiv zu werden. Meine Forschung motiviert mich nur ein bisschen mehr, das zu tun, was ich ohnehin tue.“ ■
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