Die meisten reiternomadischen Herrschafts- und Reichsbildungen Zentralasiens hatten ihren Ursprung im Tal des Orchon. Es war das Herzland und Zentrum vieler spätnomadischer Reitervölker wie Xiongnu [asiatische Hunnen], Kök-Türk, Uiguren, Mongolen. Es ist das Ötükän-Gebiet, das heilige, verheißene Land der alttürkischen Königsideologie: Hier hatten der Überlieferung zufolge schon die Xiongnu sowie die Uiguren ihre Hauptstadt und die Kök-Türk ihr Kult- und Herrschaftszentrum.
Mit der Gründung einer Hauptstadt im Orchon-Tal vollzog Tschingis Khan sehr bewußt einen Akt der Herrschaftslegitimation. Er emanzipierte sich fernab seines Stammlandes am Onon von der engeren Welt seiner mongolischen Stammestradi?tion und stellte sich und die mongolische Reichsbildung in die größere und ältere Tradition derer, die „ewig leben und die Stämme beherrschen, wenn sie im Ötükän yis [also im Waldgebirge des Changgai] bleiben“.
Der Ötükän-Wald, der heilige Hain mit dem Qut dagh („Glücksberg“), bildete im Verständnis der alttürkischen und uigurischen Stämme die Mitte der Welt. Und so dienten die reiternomadischen Hauptstädte oder Zentralorte im Orchon-Tal nicht nur als Schaltzentralen einer Reichsadministration, als Stapelplätze abgepreßter Tribute, als Märkte und Kultzentren. Sie bildeten vielmehr die unverrückbare und identitätstiftende Mitte des Reiches zu der, wie es in einer alttürkischen Inschrift heißt, „alle Völker kamen, die im Süden, im Westen, im Norden und im Osten lebten“. Der Besitz des Qut Dagh und des Ötükän yis verhieß und begründete Herrschaft über alle Völker in Nord und Süd, in Ost und West, legitimierte Weltherrschaft im (zunächst engeren) Sinn einer Herrschaft über alle, „die in Filzzelten leben“. Wer sie besaß, der war im Besitz des schicksalhaften Glücks und Herrschaftsglanzes: Er war vom Himmel zur Weltherrschaft berufen.
Vor diesem Hintergrund kann die Gründung der künftigen Reichshauptstadt im Karakorum-Gebiet als die bewußte Entscheidung eines Weltherrschers verstanden werden, der mit der Eroberung des Ötükän-Walds seinen Anspruch auch vor den nichtmongolischen Steppenvölkern legi-timieren konnte. Mit der Stadtgründung gab Tschingis Khan der Welt der Steppenvölker dort eine neue feste Mitte, wo schon die von allen respektierte ältere Tradition die Mitte der Welt definiert hatte.
Die symbolische Überhöhung Karakorums durch die enge Verknüpfung mit Tschingis Khan scheint eine spätere Entwicklung zu sein. Der Verdacht, daß die Gründung durch Tschingis Khan eine ideologisch begründete Manipulation darstellen könnte, findet eine gewisse Bestätigung in den älteren Quellen, so in der im 13. Jahrhundert verfaßten „Geschichte des Welteroberers“ des Persers Ata Malek Djuwaini sowie im Itinerar („Reise zu den Mongolen 1253–55“) des flämischen Franziskaners Wilhelm von Rubruk. Weder Rubruk noch Djuwaini verbinden Karakorum mit Tschingis Khan.




