Von ROLF HEßBRÜGGE
Von den ersten Seefahrern ist uns nichts geblieben, keine Abbildungen, keine Schiffsfragmente, keine sonstigen Hinterlassenschaften. Umso spannender waren Meldungen aus den Jahren 2008 und 2009 über mögliche Hinweise auf Hochsee-Reisetätigkeiten vor mindestens 130 000 Jahren. So alt sollen die altsteinzeitlichen Steinwerkzeuge sein, die US-amerikanische Archäologen in tieferen geologischen Schichten der Südküste Kretas ausgegraben haben. Einige Gerätschaften, so das Team, könnten aufgrund ihrer Machart sogar wesentlich älter sein. Und wo Werkzeuge waren, waren Menschen – die im Fall von Kreta übers Wasser gekommen sein müssen. Denn Kreta war schon vor rund fünf bis acht Millionen Jahren vom Festland getrennt worden –die Entfernung beträgt heute gut 100 Kilometer. Konkrete Hinweise auf maritime Expeditionen in jener Zeit gibt es jedoch nicht. Bei den ersten „Seefahrern“ nach Kreta könnte es sich auch um Gestrandete handeln, die sich an Treibholz festgeklammert hatten. Nicht auszuschließen ist auch, dass sie über Landbrücken nach Kreta gelangt sein könnten, die zwischenzeitlich aufgrund stark schwankender Meeresstände entstanden waren.
Schon länger bekannt ist: Auf Zypern, das ebenfalls rund 100 Kilometer vom Festland entfernt ist, wurden bereits um 8000 v. Chr. Messer aus Obsidian genutzt. Das Glasgestein kommt auf Zypern nicht natürlich vor. So liegt die Vermutung nahe, dass die mittelsteinzeitlichen Messer oder das Ausgangsmaterial dafür per Wasserfahrzeug importiert worden waren. Ein erster Seehandel? Die früheste heute bekannte Abbildung eines Segelschiffs entstand um 5000 v. Chr. in Ägypten. Die Nordafrikaner brachten zwei Arten von Segeln hervor: das rechteckige Rahsegel, das an einer rechtwinklig zum Mast montierten Holzstange aufgehängt wurde, sowie das an einer schräg zum Mast gestellten Stange montierte, dreieckige Lateinersegel, mit dem man bereits kreuzen, sprich: zickzack gegen den Wind ansegeln konnte. Vermutlich fuhren die alten Ägypter jedoch nur in Küstennähe, denn ihre Schiffe waren nicht hochseetauglich. „Ihre Rümpfe waren noch genäht“, weiß der Althistoriker und Seefahrt-Experte Christoph Schäfer von der Universität Trier: „Die Holzplanken wurden an bestimmten Stellen durchbohrt und durch Seile miteinander verbunden.“
Die Phönizier bauten stabile Handelssegler
Die ersten wirklich hochseetauglichen Schiffe besaßen die Phönizier, die ab dem 2. Jahrtausend v. Chr die Levante besiedelten und ihr Kerngebiet im heutigen Syrien, im Libanon und in Israel hatten. Sie bauten bis zu 30 Meter lange Handelssegler aus Zedernholz, in deren bauchigen Rumpfkonstruktionen tonnenweise Ware Platz fand. „Leider gibt es von phönizischen Schiffen nicht allzu viele archäologische Befunde“, sagt Christoph Schäfer. Gesichert ist jedoch, dass die Phönizier regen Handel mit anderen Mittelmeer-Anrainern wie den Griechen trieben. Das belegen Keramikfunde.
Eher für militärische Zwecke bauten die Phönizier und auch die Griechen jene Wasserfahrzeuge, die heute als Galeeren (von griechisch: galéē, „Wiesel“) bezeichnet werden. Diese lang gestreckten, wendigen Schiffe hatten nicht nur Mast und Segel, sondern waren zusätzlich mit Ruderbänken und einer Vielzahl von Riemen (mit beiden Händen zu bewegenden Rudern) ausgestattet. Das erforderte zwar eine größere Besatzung, machte die Schiffe jedoch manövrierfähiger. „In einer Seeschlacht agierte die Besatzung eines Kriegsschiffs in der Regel ohne Segel“, erklärt Christoph Schäfer. „Man musste unabhängig von der Windrichtung sein, um schnelle Richtungswechsel zum Entern oder Rammen vollziehen zu können.“ Zeitgenössische Reliefs lassen vermuten, dass phönizische Kriegsschiffe bereits über sogenannte Kampfplattformen verfügten, von denen aus man feindliche Besatzungen attackieren konnte. Die Phönizier beherrschten auch die Kunst des Navigierens (vom lateinischen navigare, navis, „Schiff“, agere, „treiben“), allerdings im Rahmen der damaligen Möglichkeiten: Erfahrungswissen über die Konstellationen von Sonne, Mond, Sternen und die Einflüsse von Wind oder Strömungen wurde mündlich weitergegeben. Zudem konnten die Seefahrer aus Kleinasien per Lot die Wassertiefe bestimmen, was Rückschlüsse über Standort und Distanz zur nächstgelegenen Küste zuließ. Bereits um 600 v. Chr. sollen die Phönizier den afrikanischen Kontinent umrundet haben, später gelangten sie mit ihren Schiffen bis nach Britannien.





