Am 12. Oktober 1960 ergriff Nikita Sergejewitsch Chruschtschow (1894–1971) in der UN-Vollversammlung während der Rede des philippinischen Delegierten Lorenzo Sumulong seinen Schuh, schlug damit auf seinen Tisch und ereiferte sich: „Warum darf dieser Nichtsnutz, dieser Speichellecker, dieser Fatzke, dieser Imperialistenknecht und Dummkopf – warum darf dieser Lakai der amerikanischen Imperialisten hier Fragen behandeln, die nicht zur Sache gehören?“ Nicht zur Sache gehörte nach Chruschtschow, daß Sumulong in einer Debatte über die weltweite Beendigung des Kolonialismus die Sowjetunion beschuldigt hatte, sie habe Osteuropa aller politischen und bürgerlichen Grundrechte beraubt.
Das Verhalten Chruschtschows war für den Westen unbegreiflich, schien es doch nur zu belegen, daß der sowjetische Partei- und Regierungschef nicht zurechnungsfähig war, sein Handeln jeder Logik entbehrte oder aber allein darauf ausgelegt war, die westliche Welt zu provozieren. Dabei wird vergessen, daß der Auftritt vor der UNO eine Folge zweier anderer Ereignisse war: des Abschusses eines US-Spionageflugzeugs über der Sowjetunion am 1. Mai 1960 und des daraufhin geplatzten sowjetisch-amerikanischen Gipfels in Paris, der eigentlich am 16. Mai 1960 hätte stattfinden sollen.
Hinter diesem Zerrbild Chruschtschows verschwindet auch der Politiker, der mitten im Kalten Krieg zusammen mit dem amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower (1890 –1969) eine erste Phase der Entspannung zwischen den Großmächten eingeleitet hatte. Im September 1959 hatte Chruschtschow die USA bereist, Hollywood, IBM und Farmen in Iowa besucht und sich von der amerikanischen Bevölkerung als Freund feiern lassen. Kurz davor hatte der amerikanische Vizepräsident Richard Nixon (1913–1994) in Moskau eine Ausstellung über den American way of life eröffnet, die den Wendepunkt in den Beziehungen beider Staaten markierte.
Tatsächlich erscheint kein anderer Parteiführer der KPdSU so widersprüchlich wie Chruschtschow (1953–1964). Nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 gab die Sowjetunion dessen Blockadepolitik auf und ermöglichte die Wahl des Schweden Dag Hammerskjöld zum Generalsekretär der Vereinten Nationen (1905–1961), die Beendigung des Korea- und (vorläufig) des Indochina-Kriegs und zog ihre Truppen aus Österreich ab. Zudem begann Chrutschtschow eine rege Reisediplomatie. Hatte Stalin das Reisen gehaßt, so liebte Chruschtschow – zum Leidwesen seiner Mitarbeiter – die Auslandsbesuche, von denen er bis zu seinem Sturz 1964 rund 40 absolvierte. 1955 gab es ein erstes amerikanisch-sowjetisches Gipfeltreffen in Genf, 1956 folgte Chruschtschow einer Einladung nach Großbritannien, 1959 in die USA, dazwischen bereiste er Asien.
Chruschtschow nährte allerdings genausoviel Hoffnung, wie er Illusionen zerstörte: Den Fortschritten in Korea, Vietnam und Österreich standen die Unterdrückung der Aufstände in Polen und Ungarn 1956, das Berlin-Ultimatum 1958 und der zunehmende Rüstungswettlauf gegenüber. Auch innenpolitisch wirkte sein Handeln widersprüchlich: Obwohl er selbst ein Mann Stalins war, stieß er 1956 auf dem XX. Parteitag mit seiner „Geheimrede“ Stalin vom Sockel und leitete das innenpolitische Tauwetter ein. Unter ihm wurden Löhne und Renten auf ein neues Mindestniveau angehoben, der Wohnungsbau forciert; 1957 versprach er, die USA in der Milch- und Fleischproduktion zu überholen. Von seiner USA-Reise brachte er die Idee mit, flächendeckend Mais anzubauen, was ihm den Spitznamen „Kukurusnik“ (russisch kukuruza = Mais) einbrachte. Aber wie viele seiner Maßnahmen war auch diese unausgereift. Am Ende stand eine Verknappung von Lebensmitteln, die Unzufriedenheit der Bevölkerung entlud sich 1962 in Revolten, die blutig niedergeschlagen wurden. 1963 griff die Sowjetunion ihre Goldreserven an, um im Westen Getreide einzukaufen.




