von ROLF HEßBRÜGGE
Für Medizinstudenten im Präparierkurs waren Faszien früher nur die lästige Zwischenschicht unterhalb des Fettgewebes. Sie mussten die 0,3 bis 3 Millimeter dünnen Gewebehüllen beim Sezieren durchtrennen, um an die interessanten Forschungsobjekte zu gelangen: Muskeln, Knochen, innere Organe. Doch inzwischen wissen Ärzte: Faszien schützen und stützen nicht nur all diese inneren Strukturen, sie sind selbst ein hochkomplexer und sensibler Bestandteil des Körpers. Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig, errechnete, dass unser fasziales Bindegewebe von rund 100 Millionen Nervenrezeptoren durchzogen ist. Manche Wissenschaftler bezeichnen es sogar als Sinnesorgan. In den letzten Jahren ist es bei der Suche nach Schmerzursachen in den Fokus gerückt.
Bis zu 70 Prozent aller unspezifischen Rückenschmerzen gelten unter Medizinern als „myofaszial“ bedingt, aber die Wissenschaft hatte diese lange vor allem auf die Schmerzrezeptoren im Bereich der Muskeln und Bänder zurückgeführt. Doch nach den neuen Erkenntnissen kann die Ursache auch ein gestörtes Zusammenspiel zwischen Muskeln und den sie umhüllenden Faszien sein. Die gute Nachricht: Ein solcher Befund lässt sich verhindern und die Schmerzen lassen sich therapieren.
Ein eng sitzender Ganzkörperanzug
Köche kennen Faszien (lateinisch „fascia“; Band, Binde) als folienartige Hüllen und gummiartige Bändchen, die etwa ein Hühnerfilet umschließen und durchziehen. Sie brauchen ein scharfes Messer und etwas Fingerfertigkeit, um sie vom Muskelfleisch zu trennen.
Schmerztherapeutisch relevant sind vor allem die folienartigen Faszien, die wie ein eng sitzender Ganzkörperanzug die Muskulatur straff einwickeln und dem Körper Kontur verleihen. Diese sogenannten tiefen Faszien grenzen einerseits die einzelnen Muskelfasern voneinander ab, andererseits verbinden sie diese miteinander. Der Sportwissenschaftler Jan Wilke und der Sportmediziner Winfried Banzer von der Universität Frankfurt am Main wiesen 2017 im Rahmen einer systematischen Literaturanalyse zahlreiche solcher Muskel-Faszien-Ketten nach, zu denen auch Bänder, Sehnen und Kapseln gehören.
„Lange hielt man das myofasziale Bindegewebe für passives Hüllmaterial“, erklärt Wilke. „Heute wissen wir, dass es eine wichtige Funktion im Bewegungssystem hat – sowohl in der Mechanik, etwa bei der Kraftübertragung, als auch in der Sensorik, wozu die Schmerzempfindung gehört.“ Faszien schmiegen sich wie ein dünner weißer Strumpf an den Muskel und können dabei ihre Spannung modifizieren: „Wird der Strumpf fester und enger, ist die Beweglichkeit eingeschränkt“, so Wilke. „Das kann wehtun.“ Die von dem Frankfurter Team zusammengetragenen Erkenntnisse wurden 2018 in den Anatomie-Atlas „Grayʼs Anatomy“ aufgenommen, ein Standard-Lehrbuch im anglo-amerikanischen Raum. „Die Aufnahme des Artikels in dieses Werk erhebt die Funktionszuschreibung der Faszien in den Stand des etablierten Wissens“, erklärt Wilke die Bedeutung.





