Als am 25. April 1974 kurz nach Mitternacht „Rádio Renascença“ in Lissabon das Lied „Grândola Vila Morena“ des populären Liedermachers José Afonso ausstrahlte, dürften wohl nicht wenige Zuhörer verwundert den Kopf gehoben haben. Schließlich war es seit Jahren verboten, und die Zensur in der ältesten konservativ-autoritären Diktatur Europas (seit 1926) war strikt und kontrollierte alle Massenmedien. Dadurch versuchten die Machthaber, das Land von „schädlichen Einflüssen“ aus dem Ausland abzuschotten, das Regime zu stabilisieren und seine ständestaatliche Organisation zu retten. Wenige Wochen zuvor war der Versuch eines Staatsstreichs von Teilen der Armee schon in den Ansätzen gescheitert.
Widerstand gegen das Regime hatte es immer wieder gegeben, stillen und heimlichen, der die Betroffenen und auch gänzlich Unschuldige in die Kerker der Geheimpolizei PIDE/DGS brachte, oder spektakuläre Aktionen, wie die Kaperung des Kreuzfahrtschiffes Santa Maria im Januar 1961. Nun war es ein Lied, das einer kleinen Gruppe von Offizieren das Zeichen gab zum Putsch. Alles war bestens geplant, und bereits wenige Minuten nach Mitternacht verbreitete sich in den Kasernen der Hauptstadt Lissabon hektische Aktivität. Bald nach Erklingen der Melodie verließen die ersten Panzer und Truppentransporter die Unterkünfte und besetzten Radiostationen, Verkehrsknotenpunkte und Regierungsgebäude. Nur an der Zentrale der Geheimpolizei stießen die Truppen auf Widerstand. Vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten Marcello Caetano, der 1968 die Nachfolge des fast 40 Jahre regierenden António Salazar angetreten hatte, standen sich zwar den ganzen Tag über regierungstreue und aufständische Panzer gegenüber, doch schließlich übergab der Regierungschef seine Macht ohne Blutvergießen an António de Spínola, den erst Anfang des Jahres wegen seiner Kritik an der Regierung aus allen Ämtern entfernten vormaligen stellvertretenden Generalstabschef.
Als die Portugiesen am Morgen des 25. April aus dem Schlaf erwachten, hatte sich die Welt verändert, ohne daß sie dies bemerkt hatten: Die älteste Diktatur Europas hatte sich nahezu ohne Widerstand verabschiedet. Die Überraschung wich bald der Freude, und vielerorts jubelte die Zivilbevölkerung den Soldaten zu. Es war die Zeit der Nelken, die überall auf den Straßen verkauft wurden, und aus Freude über die Befreiung steckte man die Blumen in die Gewehrläufe der Soldaten, zugleich demonstrierend, daß dieser Putsch unblutig vonstatten gegangen war. Die Unterstützung seitens des Volkes verlieh den Putschisten Legitimität und offenbarte gleichzeitig, auf welch tönernen Füssen der „Estado Novo“ mittlerweile gestanden hatte. Aus dem Staatsstreich einer kleinen Zahl von Offizieren wurde so eine Revolution, welche die Welt für kurze Zeit in Atem hielt. Erstaunlich waren bereits die Träger des Putsches, die „Bewegung der Streitkräfte“, handelte es sich dabei doch fast ausschließlich um Offiziere mittleren Ranges, Majore und Hauptleute zumeist. Was sie vor allen anderen Dingen einte, war ihre aktive Teilnahme an Portugals Kolonialkriegen. Das ökonomisch und sozial völlig heruntergekommene iberische Land leistete sich nämlich als letzter Staat in Europa noch 1974 den Luxus eines Kolonialreichs, ja, die Ideologie des Estado Novo definierte sogar ausdrücklich die portugiesische Identität als über Europa hinausgreifend. Die Kolonien wurden in dieser Sicht?weise zu einem integralen Bestandteil der portugiesischen Nation, und um diesen imperialen Anspruch aufrechtzuerhalten, nahm das Regime in Lissabon sogar die stetige Verelendung der eigenen Bevölkerung in Kauf. Seit 1961 herrschte nämlich in Guinea-Bissau, Mozambique und Angola Krieg, und die damit verbundenen ständig wachsenden Militärausgaben verschlangen Gelder, die im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystem fehlten. Vor allem aber mußten immer mehr Portugiesen in den Krieg ziehen. Zu Beginn der 1970er Jahre gehörte Portugal zu den am stärksten militarisierten Gesellschaften der Welt…




