Als Jessica Könnecke im November 2017 in ihrem Arbeitszimmer beginnt, Kartons zu verpacken, weiß sie noch nicht, wo die Reise genau hingeht. Eines aber ist sicher: Sie will etwas Sinnvolles machen. Während ihres Masterstudiums in Internationalem Marketing in Schweden hatte sie eine Kooperative mit aufgebaut und dafür Obst und Gemüse direkt beim Bauern abgeholt. Für eine Studentenzeitung schrieb sie manchmal Texte über Nachhaltigkeit. In dieser Zeit wurde ihr klar, dass sie in dem Themenbereich arbeiten möchte. Die Idee für eine Plattform für unperfekte Produkte hat sie schließlich in Berlin, wo sie mit vielen Start-ups ins Gespräch kommt. „Ich habe erkannt, dass super viele Produkte hergestellt und dann nicht verkauft werden können.“ Etwa Prototypen, an denen Unternehmen experimentieren, die aber fast nie über die Ladentheke wandern. Dass solche Produkte als wertlos gelten, ist für Jessica Könnecke unbegreiflich. Und sie beschließt, Produkte mit kleinen Makeln zu retten. „Eine Plattform, wo man sowas vertreiben konnte, gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht“, erzählt sie. Also nimmt sie ihre Ersparnisse in die Hand und gründet „Mit Ecken und Kanten“, einen Online-Shop für B-Ware von nachhaltigen Firmen zu günstigen Preisen.
Ökolisch hergestellt – mit kleinen Schönheitsfehlern
Am Anfang bekommt sie die Produkte von den Unternehmen auf Kommission, verpackt sie bei sich zu Hause, später im Keller ihrer Mutter. Vom Bienenwachstuch über Glasstrohhalme bis hin zum Pullover – alle Produkte in ihrem Sortiment sind nach ökologischen Kriterien hergestellt und haben kleine Makel. Etwa Retouren, die kleine Flecken aufweisen, Produkte mit knappem Mindesthaltbarkeitsdatum – etwa bei Naturkosmetik – oder Kleidung, bei der eine Naht nicht ganz perfekt ist. Außerdem Einzelstücke aus alten Kollektionen. Bei der Wahl ihrer Geschäftspartner ist sie durchaus wählerisch: „Die Unternehmen müssen ihre Produktion ganz offen kommunizieren“, sagt die 27-Jährige aus Franken. Die meisten Kooperationspartner kommen aus Deutschland und Österreich. „Die produzieren aber teilweise auch außerhalb der EU, manche sogar ausschließlich in China. Das schließe ich auch nicht von vornherein aus“, sagt sie. In ärmeren EU-Ländern wie Rumänien seien die Arbeitsbedingungen teilweise schlechter als in einer hochmodernen Fabrik in China. „Da muss man ein bisschen differenzieren.“
Heute, drei Jahre später, hat sie ein eigenes Lager in Nürnberg und kauft die Ware ohne Kommission – zu fairen Preisen, wie sie betont. Dass bei „Mit Ecken und Kanten“ viele Produkte um bis zu 70 Prozent reduziert sind, liegt nicht daran, dass die Unternehmen ihre nicht perfekten Teile verschenken. Könneckes Anspruch ist: Die Unternehmen sollen ihre Kosten decken können.
Faire Produkte, faire Löhne
Über jeden Preis wird daher individuell verhandelt. „Darauf beruht dann auch unsere Preisgestaltung. Und wir haben keine Margen, die vier- oder fünfmal so hoch sind wie der Einkaufspreis, wie das teilweise üblich ist. Wir machen eine faire Marge.“ Das bedeutet: Was ihr als Erlös bleibt, muss die Kosten für den Online-Shop und die Löhne ihres mittlerweile neunköpfigen Teams decken. „Für mich bedeutet Nachhaltigkeit nicht nur, dass wir nachhaltige Produkte anbieten, sondern auch, dass ich meine Mitarbeiter fair bezahle.“
Ihre Kunden, die das ermöglichen, findet die Gründerin unter anderem übers Internet. Die Kommunikation über Social Media ist für sie selbstverständlich: „Unternehmen, die Instagram nicht nutzen, verschenken die Möglichkeit, die Leute kennenzulernen, von denen sie leben.“ Und vor allem bietet ihr das Internet die Reichweite, um ihre Idee des nachhaltigen Konsums für alle in die Welt zu tragen. „Es gibt Leihkonzepte, es gibt Secondhand. Und es gibt unseren Ansatz, Produkte zu retten. Das möchte ich als eine Alternative etablieren.“




