Was wir über unser Gehirn wissen, beruht auf handfesten Experimenten. Chris Frith, ein international renommierter Neurowissenschaftler, erklärt in seinem Buch prägnant die wichtigsten Ergebnisse der Hirnforschung der letzten 200 Jahre und zeigt, wie sie das Bild vom Menschen verändert haben. Dabei lässt er immer wieder eine angriffslustige Anglistik-Professorin auftreten, die die moderne Hirnforschung für beschränkt und unbedeutend hält, weil sie angeblich das geistige Leben ausblende. Frith breitet vor der skeptischen Gelehrten die ganze Fülle der verblüffenden Leistungen des Gehirns aus, das die Flut der Sinnesreize im Hintergrund effizient verarbeitet und dabei Wahrnehmungen erzeugt, die keineswegs immer der Wirklichkeit entsprechen: Wir nehmen nicht wahr, was existiert, sondern das, was unser Gehirn daraus erschafft. Wir wissen auch nicht immer, was wir tun. Und vor allem tun wir nicht, was wir wollen, sondern wir wollen vielmehr das, was wir tun. So lässt sich experimentell beweisen, dass Handlungen im Gehirn vorbereitet werden, bevor die bewusste Entscheidung dazu fällt. Das widerspricht Vorstellungen, nach denen uns ein „bewusstes Ich” durch die Welt navigiert.
„Für das Bewusstsein bleibt sehr wenig zu tun übrig”, schreibt Frith, „aber es ist für uns offenbar von Vorteil, uns als freie Akteure zu empfinden.” Dass sich Menschen als moralisch verantwortlich wahrnehmen, könnte eine Voraussetzung dafür sein, dass sie miteinan-der kooperieren und sich geistig aus-tauschen. Damit schlägt Frith eine Brücke zu seiner geisteswissenschaftlichen Kollegin, die sich am Ende geschlagen geben muss. Antonia Rötger
Chris Frith WIE UNSER GEHIRN DIE WELT ERSCHAFFT Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 2010, 301 S., € 24,95 ISBN 978–3–8 274–2343–6





