Und nach dieser Einführung zitierte der Lehrer aus der Zeitung, für deren Feuilleton er selbst schreiben durfte, und in der etwa zu lesen stand, dass jemand „mitsamt seines Lehrstuhls“ – statt „mitsamt seinem Lehrstuhl“ – an eine neue Universität gezogen war, und zwar „gemäß seines Vertrages“, wie die Zeitung statt „gemäß seinem Vertrag“ geschrieben hatte. Es holperte auch beim Konjunktiv. Und noch heute finden sich in genannter Zeitung Sätze wie „Die Wassertropfen perlten wie wild von dem Gemälde herab, ganz so, als habe der Himmel des Deckenfreskos plötzlich seine Schleusen geöffnet.“ Dabei müsste es doch heißen „… als hätte der Himmel …“.
Jeden Tag trat der Lehrer mit solchen Beispielen vor die Klasse, um uns von der progressiven Dummheit zu überzeugen. Trotzdem – wir saßen ja im Gymnasium, um solcher Verdummung zu begegnen, und ich habe immer daran geglaubt, dass sich der verehrte Lehrer mit seiner Sicht der Dinge irren und die Menschheit von Tag zu Tag klüger würde. Außerdem kam es mir unangemessen vor, anderen Menschen Dummheit zu attestieren und ihnen so etwas wie Bildung abzusprechen. Wenn man von sich meinte, gebildet zu sein – war man es dann noch? „Wer von der Masse spricht, gehört dazu“, wie ich im Deutschunterricht erfahren hatte. Galt dann nicht auch „Wer von den Dummen spricht, gehört zu ihnen“?
Ein heikles Thema, das mir in den Sinn kam, als ich vor Kurzem im Internet eine Ankündigung der Freien Universität Berlin las, in der unter der Überschrift „MINToring für Mädchen“ angekündigt wird, dass man sich der Parodie von Goethes Faust widmen will, die Physiker 1932 in Kopenhagen aufgeführt hatten, weil sich Goethes Todestag jährt, und zwar zum 100. Mal. Dann aber schreibt die FU im selben Text, dass es um den 150. Todestag des Dichters geht. Dazu passt, dass ich in diesen Tagen nicht den bestellten Band XVI einer Gesamtausgabe bekommen habe, sondern den Band XV/I. Der steht jetzt dumm bei mir herum. Nicht zu glauben.





