Gab es die Päpstin Johanna? Die Frage, ob eine Frau unerkannt in die männlichste aller Männerdomänen einbrach, beschäftigt seit 750 Jahren die Phantasien. Das kluge Buch von Klaus Herbers und Max Kerner arbeitet nicht mit den Mitteln der Suggestion, sondern mit den Methoden der Historiker. Eigentlich wollen die beiden Autoren gar keine Spielverderber sein, wenn sie die historischen Nachrichten aus dem Mittelalter und ihre neuzeitlichen Instrumentalisierungen zusammenstellen.
Gleichwohl ernüchtert die Präsentation der Fakten: Die Geschichten von der Päpstin Johanna entstanden erst seit 1250 und wurden im Rückgriff mit Krisenphasen der Papstgeschichte verbunden. Angeblich habe die kluge Frau in Männerkleidern um 1100, um 900 oder in der Mitte des 9. Jahrhunderts die Nachfolge des Apostels Petrus angetreten. Dann sei sie bei der Geburt eines Kindes entdeckt worden und zu Tode gekommen. Va‧riantenreich wurde dieser Kern der Geschichte immer weitererzählt, am liebsten von Kritikern des Papsttums.
Leider passt die schöne Idee nirgends in den ziemlich sicher verbürgten Ablauf der Papstgeschichte hinein. Die beiden Autoren bleiben aber nicht beim Fälschungsurteil stehen, sie würdigen vielmehr das Eigenleben dieser Fiktion. Dar-aus entsteht die neue Biographie einer Legende – von ihrer Geburt um 1250 bis zur Erfüllung in naher Zukunft, für die manche Kritiker der Männerkirche eine zweite Päpstin erhoffen. Auch wenn dieses Buch wohl nicht verfilmt wird, demonstriert es den richtigen Umgang mit Geschichte. Die Lust am Mythos aber wird nicht untergehen: Er ist einfach spannender als die Wirklichkeit.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller




