Bis dahin hatte der Schamanismus unzähligen Generationen Orientierung im Umgang mit der Natur gegeben und ihnen so zum Überleben unter schwierigsten äußeren Bedingungen verholfen. Was machte ihn so erfolgreich? Und was bewirkte, dass er in den Gemeinschaften so stark verankert war, dass die Sowjets ihn nicht durch Überzeugungsarbeit, wie anfänglich beabsichtigt, sondern nur mit Gewalt bekämpfen konnten?
Schamanen wurden vor allem zur Bewältigung von Krisensituationen herangezogen. Diese konnten persönlicher Natur sein, aber auch die Gemeinschaft als Ganzes betreffen. Als Ursache galt immer menschliches Fehlverhalten: Krisen waren Ausdruck eines gestörten Gleichgewichts zwischen den Menschen und den sie umgebenden Mächten der Natur, als deren Teil sie sich empfanden. Als Folge konnte ein Mensch erkranken oder das Jagdwild ausbleiben. Im rituellen Dialog mit den Mächten der Natur mussten daher die Ursachen der von Zeit zu Zeit erfahrenen Notsituationen geklärt werden. Oder man suchte Rat in Fragen, die man selbst nicht zu entscheiden vermochte, etwa nach der richtigen Route für die nomadisierenden Rentierhirten.
Wer war zu einem solchen Dialog mit den Naturmächten imstande? Was prädestinierte einen Menschen dazu, und wie wurde er gefunden? Die Entscheidung darüber lag nie bei ihm selbst. Vielmehr beriefen ihn bestimmte Geister, die ihm nach erfolgreicher Initiation als Helfer in seinem rituellen Dialog mit den übernatürlichen Mächten zur Verfügung standen. Bestimmte Merkmale ließen die Eignung eines Menschen vermuten, etwa eine besondere Sensibilität, Spannungen im sozialen oder natürlichen Umfeld wahrzunehmen. Auch führte eine Berufung oft zu einer ernsthaften psychischen oder gar körperlichen Erkrankung des Schamanen-Anwärters – und gerade dies verwies darauf, dass er erwählt war. Ob ein Schamane oder eine Schamanin dann dauerhaft mit dieser Funktion betraut wurde, dafür war letztlich der Erfolg ausschlaggebend, den sie vorzuweisen hatten.
Häufig versuchten die Berufenen, sich gegen diese Bestimmung zu wehren. Keineswegs alle sahen das „Amt“ als attraktiv an, zumal es mit großer Verantwortung, aber kaum mit Privilegien oder materiellen Vorteilen verbunden war. Im Gegenteil, Schamanen hatten manchmal die Versorgung ihrer Familie und ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten, denen sie ja immer noch nachgehen mussten, hinter die von ihnen erwarteten Aufgaben für das Wohlergehen der Gemeinschaft zurückzustellen.
Oft lag es nahe, dass die Hilfsgeister eines verstorbenen Schamanen einen Anwärter aus dessen engerer Verwandtschaft auswählten, häufig den Enkel oder die Enkelin. Das heißt aber keineswegs, dass es sich verfestigende Schamanendynastien gab; auch bei einer gelegentlichen „Erbfolge“ war immer die Eignung wichtig.




