Am 30. Januar 1933 traf Reichspräsident Paul von Hindenburg eine nicht nur für die deutsche Geschichte folgenreiche und verhängnisvolle Entscheidung: Er ernannte Adolf Hitler zum Reichskanzler und leitete damit einen Prozess ein, an dessen Ende die Etablierung einer totalitären Führerherrschaft stand. Bei der Suche nach Antworten auf die bohrende Frage nach den Gründen für diese Entscheidung kann der Historiker nicht stehenbleiben bei situationsbedingten Faktoren, wie sie sich aus der politischen Konstellation im Januar 1933 ergaben. Er muss vielmehr auch jene mittel- und langfristigen Kalküle ins Auge nehmen, die als Orientierungsmarken das politische Handeln Hindenburgs seit 1914 bestimmten. Die Geburtsstunde des Politikers Hindenburg ist der Erste Weltkrieg; daher müssen wir der Vorgeschichte seines politischen Reifungsprozesses eine gewisse Aufmerksamkeit schenken, wenn wir den 30. Januar 1933 in einen größeren Kontext einbetten wollen.
Eine solche Perspektive, welche die Ernennung Hitlers nicht länger als Ergebnis eines unheilvollen Intrigenspiels deutet, beruht auf drei Vorannahmen, deren Augenscheinlichkeit durch intensives Quellenstudium belegt wird. Erstens ist davon auszugehen, dass Hindenburg bereits seit 1914/15 politische Herrschaft ausübte, obgleich er nicht über ein politisches Amt verfügte. Hindenburg verkörperte das kulturell tief verwurzelte Verlangen weiter Kreise des deutschen Volkes nach nationaler Einheit, das durch den Weltkrieg noch verstärkt worden war. Er übernahm damit nicht nur eine Funktion, die Kaiser Wilhelm II. nicht auszufüllen imstande war; vor allen Dingen nutzte er dieses ihm zufallende Kapital, um sich massiv in politische Angelegenheiten einzuschalten und den Kaiser zu nötigen, Personalentscheidungen nach seinen Vorstellungen zu treffen. Niemals zuvor in der preußisch-deutschen Geschichte hat es einen politischen General gegeben, der seinen Monarchen derartig in den Hintergrund gedrängt hätte. Der Hindenburg-Mythos hielt allen militärischen Niederlagen stand, so dass Hindenburg als einziger Repräsentant der alten Eliten des Kaiserreichs Kriegsniederlage und Revolution ohne Ansehensverlust überstand.
Es ist daher unzutreffend, die Herrschaft Hindenburgs im Weltkrieg als Militärdiktatur zu bezeichnen. Sie beruhte vielmehr auf einer sich ständig erneuernden und auf dem Weg der Akklamation hergestellten Zustimmung zu seiner Person und damit zu dem fest mit seiner Person verbundenen Projekt nationaler Einheitsstiftung. Hindenburg bezog seine Legitimation mithin aus einer nicht durch formale Verfahren ermittelten Gefolgschaftsbeziehung. Diese dichte interaktive und emotional vertiefte Herrschaftsbeziehung kann in Anlehnung an die Herrschaftstypologie des Soziologen Max Weber durchaus als „charismatische Herrschaft“ eingestuft werden…
Literatur: Wolfram Pyta, Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. München 2009




