Zunächst als wichtige Verbindungsstraße zu den Berliner Vororten im Südwesten konzipiert, avancierte die Leipziger Straße während des Kaiserreichs zu einer pulsierenden Flanier- und Einkaufsmeile. Zahlreiche große Kauf- und Warenhäuser eröffneten dort, allen voran das „Wertheim“ am Leipziger Platz und das „Tietz“ am Dönhoffplatz. Bis zu Beginn der 1940er Jahre war das Straßenbild geprägt von Gründerzeit-Architektur und Jugendstil.
Heute ist davon kaum noch etwas erhalten. Die Bombardements des Zweiten Weltkriegs hinterließen die Innenstadt Berlins als Trümmerfeld. Dieses Schicksal ereilte auch die Leipziger Straße: Von den ursprünglich 77 Bauten wurden 73 zerstört. In der Gegenwart zeugen nur noch einzelne Relikte von der einstigen Pracht. So etwa das Gebäude des Bundesrats, das sogenannte Tuteurhaus an der Ecke zur Charlottenstraße und das ehemalige WMF-Haus an der Kreuzung mit der Mauerstraße. Nach dem Krieg begann ein neues Kapitel der wechselvollen Geschichte der Straße. War sie früher ein Kernstück des Berliner Zentrums, geriet die Leipziger Straße durch die Teilung der Stadt in eine Randlage und verkam zu einer brachliegenden Freifläche. Erst Ende der 1960er Jahre entfaltete sich eine rege Bautätigkeit entlang der Straße. Es herrschte der Kalte Krieg, und der DDR-Staat wollte in Grenznähe anhand von Prestigebauten seine Überlegenheit gegenüber dem „Klassenfeind“ demonstrieren. Mit der Wiedervereinigung 1990 kehrte die Leipziger Straße schließlich ins Herz der Hauptstadt zurück.
Der Autor stellt zunächst in zwei Kapiteln ausführlich die „alte“ Leipziger Straße vor. Dies macht den überwiegenden Teil des Buches aus. In einem dritten Abschnitt zeigt er die Verheerungen des Zweiten Weltkrieges, bevor er schließlich im letzten Kapitel auf das moderne Straßenbild eingeht.
Die Fotos hat Neckelmann aus verschiedenen Archiven zusammengetragen und durch eigene Aufnahmen ergänzt. Die Bildauswahl ist durchaus gelungen: Weitläufige Ansichten des Straßenzuges wechseln sich mit Aufnahmen einzelner Fassaden und Detailfotos ab. Zudem hat der Autor daran gedacht, Fotos der Interieurs der Gebäude einzustreuen. Gerade die Innenansichten der mondänen Geschäfte und Warenhäuser sowie der eleganten Cafés und Restaurants runden den Band ab und vermitteln einen Eindruck vom einstigen Glanz. Aufgelockert wird die Bildauswahl zudem durch alte Postkartenmotive und vereinzelt auch Zeichnungen. Nachdenklich stimmen die Aufnahmen von den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Sie stehen, ebenso wie die meist befremdlich steril wirkenden Bilder der Nachkriegsbauten, in starkem Kontrast zu den Bildern des Wohlstandes und des pulsierenden Lebens auf der „alten“ Leipziger Straße.
Die Texte sind reich an historischen Hintergründen und mit zahlreichen Details und Anekdoten gespickt. Ausführungen zur Architektur spielen dagegen eher eine untergeordnete Rolle. Gelungen ist auch die kurze und prägnante Einführung zur Geschichte der Leipziger Straße. Das einzige Manko des Bildbandes ist das vollständige Fehlen von Karten. Dies hätte dem Leser die Orientierung erleichtert und dem Band den letzten Schliff gegeben.




