Diese extreme Regenerationsfähigkeit, die es sonst bei keinem anderen Organ gibt, hat nicht nur zur Folge, dass die Leber zeitlebens ihre Leistungsfähigkeit behält, sondern sorgt auch dafür, dass verletzte oder verlorengegangene Teile in kurzer Zeit durch neu gebildete ersetzt werden. Das macht man sich unter anderem bei der sogenannten Split-Lebertransplantation zunutze. Dabei wird das Organ eines Verstorbenen in zwei Teile geteilt, die dann zwei unterschiedlichen Empfängern eingesetzt werden. Dort wächst jedes Fragment wieder zu voller Größe heran. Sogar eine Lebendspende ist möglich. Dabei spendet etwa ein Elternteil oder ein anderer naher Verwandter einem schwer leberkranken Kind einen großen Teil des eigenen Organs. Etwa zwei Monate später verfügen dann sowohl der Spender als auch das Kind wieder über eine Leber normaler Größe.
Die enorme Zellerneuerungs-Aktivität der Leber ist keine anatomische oder physiologische Kuriosität, sondern für die Funktion des Organs absolut essenziell. Denn eine seiner wichtigsten Aufgaben besteht darin, in den Körper gelangte Giftstoffe – berühmt-berüchtigt ist in diesem Zusammenhang vor allem Alkohol – unschädlich zu machen. Dieser fortwährende Kampf gegen Toxine strapaziert die Leberzellen aber ganz erheblich, mit dem Ergebnis, dass viele davon zugrunde gehen und möglichst schnell durch neu gebildete ersetzt werden müssen. Schließlich sollen die Entgiftungsfähigkeit, aber auch die zahlreichen anderen Leberfunktionen, bis ins hohe Alter erhalten bleiben. Und tatsächlich haben die Untersuchungen des Forscherteams ergeben, dass die Fähigkeit, abgenutzte Leberzellen fortlaufend zu ersetzen, mit dem Alter allenfalls geringfügig abnimmt.
Erstaunlicherweise funktioniert die Regeneration sogar bei krankheitsbedingt geschwächten Lebern. Deshalb kann etwa eine Fettleber wieder vollständig gesunden, sofern die krankmachenden Faktoren abgestellt werden. Erst wenn die Zellen des Organs – meist infolge einer Virusinfektion, einer sogenannten Hepatitis – so stark geschädigt sind, dass sie narbig verhärten und damit funktionslos werden (medizinisch spricht man von einer Zirrhose), erlischt die Fähigkeit zur Regeneration. Die Leber ist dann irreparabel krank und der Tod des Patienten, abhängig vom Ausmaß der Schädigung, nicht mehr aufzuhalten. Es sei denn, der Betroffene hat das Glück, eine Ersatzleber transplantiert zu bekommen. Die muss er dann aber ganz besonders pfleglich behalten, also unter allen Umständen eine erneute Infektion vermeiden, und darf zeitlebens keinen Alkohol mehr trinken.





