Zwar waren die Berliner Salons keine klassenlose Gesellschaft, doch es wurden gleichwohl Standesschranken überschritten, wie dies noch wenige Jahrzehnte zuvor unvorstellbar gewesen wäre. So wurde Prinz Louis Ferdinand von Preußen zwar stets der Ehrenplatz neben der Gastgeberin zugewiesen, doch scheute sich Rahel nicht, dem Enfant terrible der könig‧lichen Familie „ordentliche Dachstubenwahrheiten“ zu sagen. Man habe sich „in größter Freiheit und Behaglichkeit“ unterhalten, so Karl August Varnhagen von Ense, der spätere Ehemann Rahels. Diese zumindest teilweise Aufhebung der Standesschranken war inspiriert von den Anfängen der Französischen Revolution, deren Gewalttaten das in den Salons tonangebende Bildungsbürgertum aber bald abschreckten.
Es ist kein Zufall, dass es Frauen waren, von denen die Impulse zu diesen Treffen ausgingen. In einer von Männern bestimmten Welt, in der das weibliche Geschlecht weitestgehend auf den häuslichen Bereich beschränkt war, stellte der Salon eine der wenigen Möglichkeiten dar, die gebildeten Frauen eine gewisse Öffentlichkeit für den intellektuellen Diskurs boten. Dies galt in einem umso stärkeren Maß für jüdische Frauen. In der großen Zeit des Salons von Rahel Levin waren die Juden noch keine gleichberechtigten preußischen Staatsbürger, sondern – etwas überspitzt formuliert – nur geduldete Fremde. Die Salons boten ihnen Gelegenheit, faktisch Teil der preußischen Gesellschaft zu sein, der sie recht‧‧lich nicht angehören durften. Das ist der Hintergrund einer Beobachtung, die Karl August Varnhagen von Ense rückblickend überliefert hat: „Die christlichen Häuser Berlins boten nichts, welches dem, was jene jüdischen an geistiger Geselligkeit boten, gleichgekommen oder nur ähnlich gewesen wäre“.
Die Männer wiederum konnten sich in der intimen Atmosphäre der Salons zwangloser geben als in der gesellschaftlichen Konkurrenzsitua‧tion, der sie sich im Alltag ausgesetzt sahen. Und ein Mann wie Prinz Louis Ferdinand von Preußen fand bei Rahel Levin jene Anerkennung, die ihm in seiner Familie verwehrt blieb: Der König hielt ihn für einen Tunichtgut, der mit seinen Frauengeschichten und seinem stetig wachsenden Schuldenberg alles andere denn ein Vorbild war. Louis Ferdinand selbst sah seine militärischen und politischen Fähigkeiten verkannt; dass man ihn als Kommandeur in die Provinz abschob, bedrückte ihn tief. Bei Rahel Levin, die er als seine „moralische Hebamme“ bezeichnete, stand er im Mittelpunkt des Interesses. Wenn er sich an den Flügel setzte, verstummten die Gespräche. Wer zu Rahels Kreis gehörte, war – um es mit einem modernen Wort auszudrücken – „in“; Einladungen in ihre Dachstube waren entsprechend begehrt. Das führte zu der kuriosen Situation, dass August Wilhelm Schlegel, obwohl er Rahel Levin nicht besonders gut leiden konnte, trotzdem regelmäßig ihren Salon aufsuchte.





