Klar, das ist kein schlechtes Ziel. Dennoch mahnen insbesondere die Vertreter der reinen akademischen Grundlagenforschung an, dass mit zu starker Priorisierung des Anwendungsaspekts ihre Forschungsfreiheit zunehmend ausgehöhlt werden könnte. Und die ist immerhin verfassungsrechtlich garantiert.
Hintergrund ist vor allem, dass die Forschungspolitik immer vehementer ein klar ersichtliches Anwendungspotenzial in den Projektanträgen der Forscher fordert – und die Forschungsförderer daher immer größere Schwierigkeiten haben, reine und ergebnisoffene Grundlagenforschung zu finanzieren. Dabei gibt es unzählige Beispiele für Dinge, die heute „in Anwendung“ sind, obwohl sie ihren Ursprung in völlig zweckfreien, von reiner Neugier getriebenen Forschungsunternehmungen hatten: Elektrizität, Antibiotika, Röntgenbilder, genetischer Fingerabdruck, …
Bei allen diesen Errungenschaften dämmerte das Anwendungspotenzial erst, nachdem man die zugrunde liegenden Phänomene grundlegend verstanden hatte. Und in den meisten Fällen hatte man nicht mal mit zielgerichteten Forschungsplänen nach ihnen gesucht. Vielmehr stieß man im freien Schalten und Walten ergebnisoffener Grundlagenforschung eher zufällig auf ein bislang unbekanntes Phänomen, erkannte die Bedeutung der Resultate – und analysierte das Phänomen durch gezieltes Experimentieren weiter, bis man es grundlegend verstand. Erst dann kamen die Ideen, wofür man das Ganze konkret anwenden könnte.
Natur versus Technik
Allerdings funktioniert dieser Transfer von der Grundlagenforschung in die Anwendung oftmals nicht so leicht, wie die obigen Erfolgsbeispiele vielleicht vermuten lassen. Vielmehr liegt häufig das Anwendungspotenzial schon lange auf der Hand, lässt sich aber partout nicht realisieren.
Gerade beim vielbeschworenen „Abschauen aus der Natur“ stößt man immer wieder auf dieses Problem. Dabei ist der Grundgedanke doch so naheliegend wie attraktiv: Schließlich funktioniert in der Natur vieles auf derart schlanke Weise, dass wir analoge Techniken, Fertigkeiten oder Hilfsmittel nur allzu gerne in unserem eigenen Leben nutzen würden. Und weil das erfolgreiche Abgucken und Entwickeln solch effektiver „Lebenshilfen“ aus natürlichen Vorbildern zudem gute Gewinne bringen kann, wird es auch zigfach versucht.
Aber allzu oft lassen sich die Qualitäten, die die Evolution durch ihr Wechselspiel aus Variation und Selektion in den Organismen optimiert hat, nur schlecht in menschengemachte technische Errungenschaften transferieren – oder gleich gar nicht. Weshalb? Oftmals, weil wir nur meinen, etwas verstanden zu haben, während uns der eine oder andere Baustein zum grundlegenden Verständnis des unterliegenden Mechanismus tatsächlich noch fehlt.





