In Europa lebten die Kreuzzüge in verwandelter Form noch weiter, als heiliger Krieg gegen Ketzer, Gegner, Andersgläubige. Dann wurde es stiller um sie. Erst die amerikanische Deutung des Zweiten Weltkriegs als „Kreuzzug für den Frieden“ oder die als Kreuz‧züge benannten modernen Kriege im Mittleren und Nahen Osten machen auch die mittelalterlichen Kreuzzüge wieder brandaktuell. Waren sie eine Kulturtat des Abendlands oder ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Seit 2001 beschäftigt diese Frage Politiker wie Historiker gleichermaßen.
Thomas Asbridge, Mediävist an der Universität London, legt jetzt eine beeindruckende neue Gesamtdarstellung der Orient-Kreuzzüge von 1096 bis 1291 vor, die neben dem englischen Original sogleich in deutscher Übersetzung erscheint. Das Buch wird sich im großen Reigen publikumsorientierter Synthesen gut behaupten. Dezidiert stellt Asbridge nämlich die christlichen und muslimischen Quellen des Mittelalters gleichgewichtig neben- und gegeneinander. Manchmal hätte man sich dabei allerdings eine deutlichere Differenzierung zwischen dem historischen Geschehen und seiner Bewältigung durch mittelalterliche Geschichtsschreibung gewünscht.
Der Wert dieses ausführlichen Buchs liegt in der kompetenten Verknüpfung unterschiedlicher Perspektiven. Sie offenbaren Glanz und Schrecken blutiger Auseinandersetzungen. Eindrucksvoll sind die packenden szenischen Beschreibungen im Stil englischer Geschichtsschreibung, mit sprachlicher Gestaltungskraft klug aus den Quellen entwickelt. Am Ende setzt sich der Verfasser noch mit den langen Schatten der Kreuzzüge auseinander. Diese möchte er am liebsten dort lassen, wo sie hingehören – in der Vergangenheit.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller




