Luther ist populär. Das erstaunliche Interesse an jenem Mann, der vor einem halben Jahrtausend den größten Umbruch in der Geschichte der Kirche ausgelöst hat, dürfte den gegenwärtigen Protestantismus am nachhaltigsten überrascht haben. Hier, in den evangelischen Kirchen und Theologien, hat schon seit geraumer Zeit eine merkwürdige Luthervergessenheit um sich gegriffen. Desto größer erscheint demgegenüber die öffentliche Aufmerksamkeit. Das vergangene Jahr hat dafür mehrere imposante Beweise erbracht. „Der Spiegel“ widmete Luther im Dezember eine Titelgeschichte. In dem ZDF-Wettbewerb „Unsere Besten“ belegte Luther hinter Konrad Adenauer den zweiten Platz. Der Luther-Film des kanadischen Regisseurs Eric Till ist auch in Deutschland zu einem Kinoereignis geworden.
Die Gründe dieser Popularität sind vielschichtig und schwer zu ermessen. Die menschliche Zugänglichkeit Luthers spielt dabei zweifellos eine Rolle, übrigens auch die schonungslose Offenheit, in der sich Luther seiner religiösen Krise gestellt und diese dann als das Potential einer tiefgreifenden Umformung von Kirche und Gesellschaft produktiv gemacht hat. Sein reformatorischer Aufbruch war nicht, wie bei Zwingli, das Resultat einer aus humanistischem Boden erwachsenen intellektuellen Erkenntnis, sondern vielmehr die Konsequenz einer im Kloster erlebten, von verzweifelter Gottesangst zur erlösenden Gewißheit des Glaubens führenden existentiellen Erfahrung.
Die Zeit, in der Luther heranwuchs, war geprägt von intensivster Kirchlichkeit und Religiosität. Der Ruf nach einer Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern (reformatio ecclesiae in capite et membris) hatte schon im frühen 15. Jahrhundert zu dem Versuch geführt, die monarchische Herrschaft des Papsttums durch eine Aufwertung der auf den Konzilien repräsentierten abendländischen Gesamtkirche zu brechen. Doch hatte man die Beharrungskraft des römischen Papsttums weit unterschätzt. Am Ende des Jahrhunderts war der Versuch einer konziliaristischen Kirchenreform vollständig gescheitert.
Während Frankreich, aber auch England und Spanien ein relativ hohes Maß an Selbständigkeit gegenüber Rom erlangen konnten, blieb in Deutschland das Papsttum in massiver Weise kirchlich und politisch präsent. Die von den Reichsständen beschlossenen und 1457 öffentlich vorgebrachten „Gravamina [Beschwerden] der deutschen Nation“ waren Ausdruck einer weitverbreiteten Empörung über die Einflußnahme der Kurie und die von ihr beanspruchten Privilegien.
Um 1500 herrschte in Deutsch-land eine breite antirömische Stimmung. Doch ist sie niemals in eine antikirchliche, gar antireligiöse Stimmung umgeschlagen. Vielmehr er?lebte die Kirchlichkeit eine kaum dagewesene Blüte. Geistliche Erneuerungsbewegungen wie die Devotio moderna, verkörpert etwa durch die sich rasch ausbreitenden „Brüder vom gemeinsamen Leben“, trafen den religiösen Nerv der Zeit. Große Volksprediger, ein florierendes Wallfahrtswesen, innige Marienfrömmigkeit, ausgedehnte Reliquien- und Heiligenverehrung zeugen von einer nachhaltigen kirchlich-religiösen Intensität, die damals in Deutschland geherrscht hat. Sie bildet den Horizont der lutherischen Reformation. Deren zureichende Erklärung liefert sie nicht. Am 17. Juli 1505 ging Luther ins Kloster. Auslösender Anlaß war der berühmte Blitzschlag von Stotternheim: In seiner Todesangst hatte Luther der heiligen Anna gelobt, Mönch zu werden, wenn er das Unwetter heil überstünde. Doch der tiefere Grund für Luthers Entscheidung liegt in seiner verzweifelten Erfahrung des zornigen Gottes. Der Gang ins Kloster sollte die Lösung dieser tiefen, existentiellen Krise erzwingen und ist doch nur deren dramatischer Ausdruck geworden.




