Das alte Konzept leuchtet intuitiv ein, weshalb selbst Galilei mit ihm noch geliebäugelt hat. Es bedurfte großer Geister wie Johannes Kepler und Isaac Newton, um eine „Inertia“ oder Trägheit des fliegenden Steins als Grund für seine Weiterbewegung nach dem Verlassen der Hand angeben zu können.
Im späten 13. und frühen 14. Jahrhundert fanden auch Theologen die simplere Impetus-Theorie höchst attraktiv, konnte man mit ihrer Hilfe doch erklären, wie eine ursprünglich von Gott ausgehende Kraft die Planeten weiter rotieren ließ. Und man war froh, die nötigen Impulse nicht dauernd durch Engel liefern zu müssen. Noch mehr Aufmerksamkeit fand die Idee des verinnerlichten Antriebs namens Impetus durch die Überlegung, der oder die Werfende sorge für eine Abbildung der Kraft in dem zu bewegenden Objekt, und indem man den Impetus zum Bild erhob, öffnete sich den mittelalterlichen Künstlern mit Hilfe der Physik eine völlig neue Dimension ihrer Wirkung. Maler begannen allgemein zu überlegen, wie sie in ihren Bildern Kräfte anlegen konnten, die beim Betrachten auf die schauenden Menschen übertragen wurden. Sie erhielten auf diese Weise einen epistemischen „Mehrwert“, wie der Kulturwissenschaftler Frank Fehrenbach in seinem Buch „Giotto und die Physiker“ schreibt.
Man erfährt, wie beim italienischen Maler Giotto „Kräfte in die Wand- und Tafelbilder“ einziehen, und freut sich, dabei den Einfluss der Kunst auf die naturwissenschaftliche Revolution des Mittelalters nachweisen zu können. Die künstlerische Wirkungskraft wurde um 1300 zum Thema der damals neu entstehenden Kunstdiskurse, wobei mit Kraft nicht eine ethische Qualität, sondern eine physikalische Wirkung gemeint war.
Seit dem 15. Jahrhundert stehen die Kräfte von Bildern explizit im Fokus der Kunsttheorie, weil sie Abwesende gegenwärtig machen und den Glauben an die Götter bestärken können, wie es etwa in dem 1435 vorgelegten Malereitraktat von Leon Battista Alberti heißt. Hier kann man weiter lesen, dass die Bilder den Geist und die Körper der Betrachtenden über die Affekte von Lust, Schrecken und Devotion „mit unendlich viel größerer Kraft“ bewegen.
Das Ingenium der Künstlers kann sogar dafür sorgen, an die Existenz von etwas zu glauben, das faktisch nicht vorhanden ist. Götter gehören dazu. An sie und ihre Kräfte kann man jetzt fest glauben. Nicht zu glauben, was Kunst alles bewegen kann, wenn man mit ihr über den schönen Schein hinausgeht.





