Bis vor kurzem war Sie nur ein Geheimtipp bei Migräneattacken. Doch nun hat die Therapie offizielle Anerkennung bekommen: Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft empfiehlt Patienten, sich per „Biofeedback” quasi selbst von den Schmerzen befreien – mit der Kraft der eigenen Gedanken. Kaum zu glauben, aber die Wirksamkeit der Methode ist laut den Experten der Migränegesellschaft genauso hoch wie die einer medikamentösen Therapie, ohne deren Nebenwirkungen aufzuweisen.
Trotz der Namensähnlichkeit hat Biofeedback rein gar nichts mit der so genannten Bioresonanz zu tun, mit der Medizin-Esoteriker angeblich ungesunde, aber tatsächlich nicht nachweisbare Körperwellen auslöschen wollen. Biofeedback macht dagegen reale Körperprozesse sichtbar, die normalerweise unbewusst ablaufen. Bei Migränepatienten messen Sensoren den Durchmesser der Schläfenarterien, die bei Migräne-Attacken erweitert sind. Die Daten werden an einen Computer übermittelt. Wenn es dem Patienten gelingt, die Blutgefäße durch geeignete Vorstellungen zu verkleinern, sieht er auf dem Bildschirm, wie sich ein Tunnel verengt. Er bekommt so eine direkte Rückmeldung – ein Feedback –, wie sein Körper auf seine Bemühungen reagiert.
Migräne ist nicht das einzige Einsatzgebiet. Prof. Michael Mück-Weymann, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback und Professor an der Universität in Hall/Tirol, hat beobachtet: „Gute Erfolgsaussichten bestehen außerdem bei chronischen Rückenschmerzen, die sehr oft eine psychische Komponente haben.” Durch Biofeedback lernen die Patienten beispielsweise, Sitzpositionen einzunehmen, bei denen sich die Muskeln entspannen. Auch Menschen mit Inkontinenz können von der Methode profitieren. Sie haben oft eine zu schwache Beckenbodenmuskulatur und müssen sie trainieren. Beim Biofeedback melden Sensoren in der Scheide oder im After die Muskelspannung im Beckenboden, und am Bildschirm kann der Patient überprüfen, ob er die richtigen Muskeln trainiert. Speziell für hyperaktive Kinder gibt es mittlerweile kleine Computerspiele, in denen die eigenen Gehirnströme quasi den Joystick ersetzen: Die Zappelphilipps lernen, sich selbst zu beruhigen.
„Die Anfänge dieser Methode reichen mehr als 50 Jahre zurück”, sagt Michael Mück-Weymann. „Doch erst ab den Achtzigerjahren fanden relativ kostengünstige und anwenderfreundliche Biofeedback-Systeme zunehmend Verbreitung in Praxen und Kliniken.” Die Methode ist einfach zu erlernen. „Oft genügt es schon, wenn ich meine Patienten auffordere, ruhig und tief in den Bauch zu atmen. Am Bildschirm können sie ablesen, wie sich die Herzschlagfolge ändert.” Dabei entwickelt sich rasch ein Gefühl dafür, wie sich Pulsrate, Blutdruck oder andere Körperfunktionen durch kleine Verhaltensänderungen oder Entspannungsübungen günstig beeinflussen lassen. Ziel ist es, dies im Alltag ohne das direkte Feedback am Computerbildschirm – gewissermaßen ohne „ audio-visuelle Krücken” – hinzubekommen. Das gelingt den meisten Patienten nach etwa 10 bis 20 Sitzungen beim Therapeuten. Dr. Ulrich Fricke
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Lesen
Winfried Rief, Niels Birbaumer (Hrsg.)
Biofeedback
Grundlagen, Indikationen, Kommunikation, praktisches Vorgehen in der Therapie
Schattauer 2006, € 49,95
INTERNET
Deutsche Gesellschaft für Biofeedback
www.dgbfb.de
Links und Quellenangaben zu allen medinfo-Themen:
www.wissenschaft.de/bdw





