Vor 19 Millionen Jahren hielten Heerscharen afrikanischer Tiere Einzug in Süddeutschland. Sie sorgten dafür, daß die meisten ihrer ansässigen Rivalen nach kurzer Zeit ausstarben. Findet zur Zeit ein ähnlicher Kampf statt?
Plötzlich waren sie da: Schwerfällige Elefanten stapften durch die Wildnis, die heute Schwäbische Alb heißt. Sie waren kleiner als ihre heutigen Verwandten, nur zwei Meter hoch, und hatten einen seltsamen Kopf. Der Unterkiefer, lang und spitz, reichte fast bis zur Rüsselspitze und gab den Tieren ein vogelähnliches Gesicht. Diese Mastodonten machten sich vor rund 19 Millionen Jahren in Deutschland breit. In ihrem Gefolge kamen Bären, Antilopen, Menschenaffen und viele andere Tiere – eine wahre Invasion. Die Ursache: Der afrikanische Kontinent, der schon seit Jahrmillionen nordwärts driftete, war gegen Europa geprallt. Über die arabische Halbinsel hatte sich eine Landverbindung geöffnet und den Einwanderern den Weg gebahnt. So trafen plötzlich Tiergemeinschaften aufeinander, die sich bisher unabhängig voneinander entwikkelt hatten. Erstaunlich ist, daß offenbar zur gleichen Zeit Tiere aus Asien einströmten. Was hatte sie aus ihrer Heimat vertrieben? Noch suchen die Forscher nach den Hintergründen. Die Immigranten marschierten entlang der flachen Küsten ein – und ein harter Überlebenskampf begann. Zwei Millionen Jahre lang ging es in Europa drunter und drüber, konkurrierten alteingesessene Arten mit den Einwanderern um Nahrung und ökologische Nischen. Als sich der Sturm gelegt hatte, war fast die Hälfte der alten Säugetier-Fauna ausgestorben.
Dr. Elmar Heizmann vom Staatlichen Museum für Naturkunde in Stuttgart beschäftigt sich seit Jahren mit dieser turbulenten Zeit. Sein Team hat inzwischen in Oberschwaben und am Südfuß der Schwäbischen Alb genug Fossilien gefunden, um die Epoche in groben Zügen wiederaufleben zu lassen.
Ein Kampf um Leben und Tod entbrannte zwischen den großen Raubtieren. Zugewanderte Säbelzahnkatzen, groß wie Leoparden, konkurrierten mit den alteingesessenen Bärenhunden – und siegten. Nach Ansicht des Paläontologen Heizmann hatten sie eine bessere “zerebrale Ausstattung”, waren also clever genug, um wirkungsvolle Jagdstrategien zu entwickeln. Außerdem konnten sie mit ihrem schneidenden Gebiß die Beute leichter zerteilen. Einige der tumben Bärenhunde entwickelten zwar, von der Konkurrenz angestachelt, im Laufe von Generationen schärfere Zähne, doch ihre Artenzahl ging trotzdem immer mehr zurück. Nur einige Generalisten unter ihnen konnten sich noch bis vor etwa acht Millionen Jahren durchbeißen. Als dann die riesigen Säbelzahntiger einwanderten, starben die letzten Bärenhunde aus.
Die Landbrücke, die sich zwischen Afrika und Europa auftat, war freilich keine Einbahnstraße. In beide Richtungen zogen Tiere. Aus Europa gelangten etwa Fischotter nach Afrika. Auch forderte die Invasion nicht nur Opfer unter den heimischen Tieren, sondern auch unter den Einwanderern. Ein gewaltiges Urraubtier, größer als ein Löwe, das aus Afrika kam – der Hyainailouros – zog gegen die Säbelzahnkatzen den kürzeren und starb rasch aus. Es war der letzte Vertreter einer einst artenreichen Gruppe von Beutegreifern. Insgesamt aber waren die alteingesessenen Tiere mit ihrer recht primitiven Ausstattung den Ankömmlingen unterlegen.
Obwohl damals viele Tierarten ausstarben, würde kein Wissenschaftler von einer Katastrophe sprechen. Gefahr droht nur, wenn – wie heute – der Mensch seine Hand im Spiel hat, ist Paläontologe Heizmann überzeugt. Denn Schiff und Flugzeug erreichen jede Region und beschleunigen die Einwanderung erheblich. Viele Experten schlagen deshalb Alarm. Bedroht sind vor allem Inseln mit ihren besonderen Tiergemeinschaften. Auf Hawaii, Neuseeland oder den Galapagos-Inseln haben Ziegen, Hunde und Ratten die Reihen der endemischen Arten gelichtet. Auch in den Tropen mit ihren individuenarmen, kleinräumigen Populationen haben Einwanderer leichtes Spiel. Dort sind aus einer Nahrungskette rasch zwei Glieder herausgeschlagen – “mit unabsehbaren Folgen”, befürchtet der Biologe Harald Martens von der Bundesforschungsanstalt für Naturschutz.
Doch nicht alle Experten teilen diese Ängste. “Nur jeder tausendste Zuwanderer verursacht Probleme”, schätzt Prof. Josef Reichholf und vermutet, daß hinter der Furcht vor Einwanderern nichts anderes steckt als Fremdenfeindlichkeit: “Erst geht es um Tiere und Pflanzen, dann um den Menschen.” Der Münchner Ökologe verweist darauf, daß Flora und Fauna von Natur aus dynamisch sind. Viele unserer heimischen Vertreter wie Feldhase, Rebhuhn, Feldlerche und Kornblume sind erst im Mittelalter aus dem mediterranen Raum nach Deutschland gekommen. Sie konnten sich ausbreiten, weil der Mensch damals einen Großteil der Wälder gerodet hatte. Auch heute, so Reichholf, bereitet erst der Mensch den Exoten das Feld. Mit Monokulturen, Überdüngung und Schadstoffen schaffe er die Voraussetzungen, daß sich fremde Tiere und Pflanzen überhaupt ansiedeln können. Reichholf: “Man mäkelt an den Symptomen herum, nicht an den Ursachen.”
Um die Debatte auf sachliche Füße zu stellen, arbeiten Biologen weltweit an einer Bestandsaufnahme. In Deutschland hat das Bundesumweltamt bisher mehr als 600 neue Tierarten gezählt. Auf der Liste stehen vor allem Insekten, Schnecken, Muscheln und Krebstiere. Knapp zwei Dutzend Säugetiere und Vögel konnten heimisch werden, darunter Bisamratte, Waschbär, Kanadagans, Türkentaube und Mufflon. Ob diese Neubürger alteingesessene Tiere verdrängen, ist allerdings nicht sicher.
Klaus Jacob





