Wer ins afrikanische Afar-Dreieck fährt, gerät auf eine gigantische Baustelle: Nacktes Gestein, so weit das Auge reicht, kein bisschen Grün. Das Grenzgebiet von Äthiopien und Eritrea ist wie von gewaltigen Baggern durchwühlt – hier himmelhoch aufgetürmt, zackig und schroff, dort lieblos planiert. Bunt schillernde Tümpel, an den Rändern von hellen Salzkrusten überzogen, erinnern an die Kalkbrühe, die Bauarbeiter ins Gelände kippen. Das ganze Terrain ist mit Vulkanen gespickt, als würde Bauherr Natur mit viel Getöse schwarze Riesenhäuser hochziehen. Und im Krater des Erta Ale blubbert seit Jahrzehnten ein glühender Lavasee – Rührbecken für den irdischen Baustoff.
Für Geologen ist die unwirtliche Gegend, wo es nur selten regnet und das Thermometer manchmal auf 60 Grad klettert, ein Dorado. Hier können sie hautnah miterleben, wie ein Kontinent zerbricht und ein Ozean entsteht. So ähnlich muss es gewesen sein, als vor fast 200 Millionen Jahren der Superkontinent Pangäa in die Brüche ging. Plattentektonik live: Wofür der Pionier Alfred Wegener vor knapp hundert Jahren noch verlacht wurde und was Laien nur schwer begreifen – hier hilft die Natur der Vorstellungskraft auf die Sprünge. Im Afar-Dreieck kann man fast fühlen, wie dünn und fragil die Erdkruste ist, und wie viel Dynamik in ihr steckt. Hier lässt sich erahnen, dass ganze Kontinente in Bewegung sind.
Vor rund 30 Millionen Jahren begann das Spektakel am Horn von Afrika mit einem Feuerwerk: Eine Flut dünnflüssiger Lava ergoss sich in einem Umkreis von 500 Kilometern und schuf die Hochplateaus von Äthiopien, Somalia und Jemen. Seitdem haben sich drei gewaltige Gräben aufgetan und laufen im Afar-Dreieck sternförmig zusammen. Zwei davon, das Rote Meer und der Golf von Aden, haben sich mit Wasser gefüllt und Afrika von Asien getrennt. Beide Meeresarme weiten sich jedes Jahr um rund zwei Zentimeter – und könnten sich so im Laufe der Jahrmillionen zu einem stattlichen Ozean auswachsen.
Im Süden schließt sich das rund 5000 Kilometer lange Rift Valley an. Als hätte eine gewaltige Axt ins afrikanische Mark gehauen, ist der Kontinent bis nach Mosambik aufgerissen. Hohe Vulkane wie der Kilimandscharo und der Nyiragongo säumen die Naht. Ähnlich wie beim deutschen Rheingraben ist die Erdkruste zwar nicht durchgebrochen, doch die Ränder entfernen sich bis heute um wenige Millimeter pro Jahr voneinander. Wenn die Spreizung anhält, wird sich Ostafrika mitsamt den Ländern Äthiopien, Somalia, Kenia und Tansania irgendwann vom Festland lösen.
Dass sich unter Afrika Ungewöhnliches tut, verraten bereits geodätische Daten. Der ganze Kontinent scheint aufzugehen wie ein Hefeteig: Er wächst sowohl nach oben als auch zur Seite. Die Landmasse erhebt sich im Mittel höher als andere über den Meeresspiegel, und die Plattenränder schieben sich an allen Seiten vorwärts. Als Ursache vermuten die Geowissenschaftler einen so genannten Plume: Ein Strom heißes, zähflüssiges Gestein steigt aus großer Tiefe empor, wohl von der Kern-Mantel-Grenze, und drückt gegen die Erdkruste. Dort pilzt er sternförmig auf und fließt seitwärts ab – als würde ein Wasserstrahl gegen eine Wand platschen.
Die hitzige Aufwallung kann ihre Kraft besonders wirkungsvoll entfalten, weil sie immer an derselben Stelle nagt. Denn die afrikanische Platte steht seit rund 25 Millionen Jahren still – ein ruhender Pol im weltweiten Geschiebe der tektonischen Platten. Wie es der Hitzestau schafft, die 40 Kilometer mächtige Gesteinskruste mürbe zu machen, kann man sich ähnlich vorstellen wie bei einem Pilz, der durch die trockene Erdkrume bricht: Erst beult er den Boden auf, dann reißt er ihn auseinander. Solche beulenartigen Strukturen, jeweils mehr als 1000 Kilometer weit, findet man sowohl um das Rift Valley, in Uganda, Kenia und Tansania als auch im Afar-Dreieck, in Äthiopien und Jemen. Ob es sich dabei um zwei unabhängige Plumes oder zwei Äste eines einzigen Superplumes handelt, ist unklar.
Brennpunkt des tektonischen Geschehens ist die natürliche Großbaustelle am Afar-Dreieck, wo Seismometer alle paar Stunden ein schwaches Erdbeben registrieren. Hier öffnen sich nicht nur das Rote Meer und der Golf von Aden, so dass Asien immer weiter vom Schwarzen Kontinent wegdriftet. Hier bricht gegenwärtig auch ein rund 500 mal 200 Kilometer großes Stück, der Danakil-Block, vom Kontinent los und wird in einigen Jahrmillionen als Insel davontreiben. In der Danakil-Senke ist der Kontakt zum Festland fast schon gekappt. In diesem knapp 200 Kilometer langen Graben, dessen Sohle unterhalb des Meeresspiegels liegt, ist die Erdkruste so dünn wie unter den Ozeanen: nur rund 15 Kilometer. Die kontinentale Kruste ist sonst zwei- bis dreimal so dick. Und noch eine Besonderheit: Vulkane, die sich am Boden der Senke wie auf einer Perlenschnur aneinander reihen, speihen Lava, wie sie für Tiefseevulkane üblich ist. Geologen können hier ohne nass zu werden beobachten, wie neuer Meeresboden entsteht – Geburtswehen eines Ozeans.
Vulkanologen sind besonders vom Erta Ale fasziniert. Er ist einer der wenigen Vulkane, in dessen Krater seit Jahrzehnten ein Lavasee glüht. Aus einer unterirdischen Magmakammer fließt offenbar gerade so viel Schmelze nach, dass der See weder überläuft noch erkaltet. Dieser Höllenpfuhl, den Wissenschaftler erst 1967 entdeckt haben, bietet ein imposantes Schauspiel: Immer wieder bildet sich eine dünne, schiefergraue Haut, deren Risse glutrot leuchten. Das Nomadenvolk der Afar, dem die Region seinen Namen verdankt, macht einen Bogen um den Vulkan, weil es dort böse Mächte am Werk glaubt. Die Einheimischen fürchten die vulkanischen Gase, die hier mit Rekord-Temperaturen austreten: 1130 Grad wurden schon gemessen.
Zu den vulkanischen Aktivitäten in der Danakil-Senke gehören auch heiße Quellen, die bizarre Farbtupfer in die Landschaft zaubern. Das Wasser ist mit Salz und Eisen beladen, die es aus dem Gestein gelöst hat. In Tümpeln reichern sich die Mineralien an. Dort wachsen Kristalle und bilden weiße und von oxidiertem Eisen gefärbte leuchtend gelbe Krusten. Der Salzreichtum im Untergrund belegt, dass die Senke nicht immer trocken war. Vom Roten Meer drang vor Jahrmillionen Wasser ein, verdunstete und hinterließ mächtige Salzablagerungen. Später haben Vulkane, die an den Rändern der Senke emporwuchsen, als natürliche Staudämme den Zugang verbaut.
Von bizarrer Schönheit ist auch das Rift Valley südlich des Afar-Dreiecks mit seinen Soda-Seen und Vulkanen. Dort, am Nyamuragira und am Nyiragongo in Zaire, köchelten ebenfalls jahrzehntelang Lavaseen. Rätsel gibt den Wissenschaftlern der 2886 Meter hohe Vulkan Oldoinyo Lengai auf, der heilige Berg der Massai, nahe dem Ngorongoro-Krater. Aus seinem Krater quillt eine relativ kalte Schmelze. Mit Temperaturen zwischen 500 und 600 Grad ist sie nur halb so heiß wie gewöhnliche Laven. Schwarz und extrem dünnflüssig strömt sie die Hänge hinab, verblasst aber nach wenigen Tagen und wird schließlich weiß. Denn das Kalium- und Natriumkarbonat, die Hauptbestandteile des Zaubersteins, reagieren mit der Feuchtigkeit der Luft. Als Ursache für die kuriose Zusammensetzung der Schmelze vermuten Vulkanologen, dass sich in der Tiefe ein ursprünglich homogenes Magma entmischt, bevor es austritt.
Wenn das Gestein erkaltet ist, löst Regen das Karbonat heraus und schwemmt es in den Natronsee am Fuß des Oldoinyo Lengai. Wegen der hohen Verdunstung wird der Mineraliengehalt im Wasser manchmal so hoch, dass sich Platten aus Sodasalz bilden und wie Fettaugen über den See treiben.
KOMPAKT
• Unter Afrika gibt es vermutlich einen gewaltigen „Plume” – einen Aufstrom von heißem, zähflüssigem Gestein, das tief aus dem Erdinnern kommt und gegen die Erdkruste drückt.
• Zentrum des unterirdischen Angriffs ist das Afar-Dreieck. Dort können Geologen live miterleben, wie ein Kontinent zerbricht und ein Ozean entsteht.
• Die Vulkane hier sind Exoten, die einzigartige Naturschauspiele bieten.
Bernhard Edmaier, Klaus Jacob





