Es gibt ein seltsames Phänomen in der Ernährungsmedizin: Ärzte, Ernährungsberater, Industrie-Manager und Patienten glauben an dieselben Grundsätze einer gesunden Ernährung. Jeder erzählt es einem anderen, Zeitungen drucken die Tipps ab – es wird zum allgemeinen Wissen. Aber es gibt dabei ein Problem: Viele dieser Grundsätze sind unbewiesen, und manche der bis vor kurzem gültigen Prinzipien haben sich als falsch oder sogar schädlich erwiesen. „Viel Konsens, wenig Evidenz”, fasst der Herzspezialist Clemens von Schacky, Professor am Klinikum der Universität München, die Situation in seinem Fachgebiet zusammen. Den Grund für die auch bei Ärzten weitverbreiteten Vorurteile sieht er in der Vorgehensweise mancher Forscher: „Sie glauben, dass epidemiologische Erhebungen oder Laborversuche den direkten Beweis für die Wirkung eines Lebensmittels liefern. Das stimmt aber nicht. Um Evidenz zu bekommen, muss man die Nahrung oder ihre Bestandteile in methodisch sauberen und kontrollierten Studien genau wie Arzneimittel testen.” Solche „ Interventionsstudien” sind aufwändig und teuer. Sie liefern aber brauchbare Ergebnisse. Tatsächlich haben sie schon manches Dogma gekippt. „Ein gutes Beispiel ist das Vitamin E”, meint von Schacky. „In den epidemiologischen Studien sah es so aus, als ob es vor Herzinfarkt schützen könnte, aber in den Interventionsstudien zeigte sich, dass es wirkungslos ist.” Trotzdem kursieren veraltete Ratschläge weiter in Ärztekreisen. Einige Ernährungs- und Pharma-Unternehmen werben sogar damit. Ein Grund für die Popularität solcher Ernährungstipps liegt wohl in ihrem klaren Schwarz-Weiß-Bild. Es gibt die Guten (die wertvollen Ballaststoffe und das lebenswichtige Vitamin) und die Bösen (Fett und Cholesterin). Das Zusammenspiel und die physiologische Wirkung von zum Teil tausenden von Wirkstoffen in Obst und Gemüse wird auf die Wirkung einer einzigen Substanz reduziert, etwa von Vitamin C. Pflanzenstoff-Experte Bernhard Watzl von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung hält nichts von solchen Vereinfachungen: „Die kombinierte Wirkung aller Inhaltsstoffe ist vermutlich für die gesundheitliche Wirkung verantwortlich.” Bei diversen Ernährungsempfehlungen der letzten Jahrzehnte wurden solche komplexen Zusammenhänge außer Acht gelassen. Als Folge brachen zum Teil sogar die Krankheiten häufiger aus, die man eigentlich verhindern wollte. Hier drei der auffälligsten falschen Empfehlungen. Erstens: das Beispiel Beta-Carotin. „ Carotine” nennt man die gelben Farbstoffe, die in Möhren, Paprika oder Tomaten enthalten sind. Weil sie im Körper zu Vitamin A umgewandelt werden, heißen sie auch „Provitamin A”. Beta-Carotin ist auch als Lebensmittelfarbe und als Zusatz in Milchprodukten und Multivitaminsäften in Gebrauch. Vor allem Rauchern wurde lange empfohlen, sich höhere Mengen von Beta-Carotin zuzuführen. Dieser Ratschlag ist überholt. In Studien, bei denen Raucher über längere Zeit Beta-Carotin bekamen, war Lungenkrebs sogar häufiger als in Kontrollgruppen. Auch wurden mehr Todesfälle im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Leiden gezählt. Erschrocken trat das Bundesamt für gesundheitlichen Verbraucherschutz (BgVV) daraufhin die Kehrtwende an. Erst wurden Raucher vor Beta-Carotin gewarnt. Schließlich wurden die Hersteller im vorigen Jahr aufgefordert, bis zur Festsetzung von Höchstmengen in Lebensmitteln kein isoliertes Beta-Carotin mehr zu verwenden. Offenbar macht es einen Unterschied, ob man Stoffe wie Beta-Carotin in isolierter Form zu sich nimmt oder in natürlichem Gemüse. Das BgVV weist eigens darauf hin, dass die Aufnahme von Beta-Carotin und anderen Vitaminen über Obst und Gemüse nicht nur unbedenklich, sondern der Gesundheit sogar förderlich ist. Zweitens: das Beispiel Kalzium. Knochen, so die lange gehörte These, brauchen zusätzliches Kalzium. Viele Frauen schlucken nach den Wechseljahren Kalzium-Präparate, um Osteoporose vorzubeugen. Für die Hersteller ist das ein Millionengeschäft. Doch so simpel, wie es oft klingt, ist die Geschichte auch beim Kalzium nicht. Gerade hier ist das Fenster zwischen optimaler Dosis und Höchstgrenze sehr klein. In einer US-Studie mit 70000 Krankenschwestern war das Risiko für Knochenbrüche bei starkem Konsum von kalziumreicher Milch sogar höher. Ärzte warnen nun verstärkt vor Kalzium-Überdosen. Zu viel Kalzium löst Müdigkeit und Schwindel aus, begünstigt Nierensteine und verhindert die Aufnahme anderer lebenswichtiger Mineralien wie Eisen und Zink. Bei Erwachsenen ist die Knochendichte zum großen Teil genetisch bedingt. Zudem gibt es starke Schwankungen bei den Kalzium-Mengen, die ein Mensch absorbieren kann. Besonders ungesund wird Kalzium-Konsum, wenn man darüber vergisst, was die Knochen vor allem stärkt: Bewegung. Wer trainiert und beweglich ist, stürzt auch seltener und verringert das Risiko eines Knochenbruchs. Drittens: das Beispiel Ballaststoffe. Sie fördern die Verdauung und beugen Darmkrebs vor. Durch die erhöhte Stuhlmenge werden Krebs erregende Substanzen „verdünnt”, ihre Verweildauer im Darm verkürzt. So lautet die Theorie. Obst und Gemüse sind zweifellos ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Ernährung. Vor Darmkrebs schützen die darin enthaltenen Faserstoffe aber nicht. Egal, wie viele Ballaststoffe Menschen in mehreren Langzeitstudien zu sich nahmen – die Darmkrebsrate war immer gleich. In einer Studie kehrten Darmpolypen, die als Krebsvorstufen gelten, sogar etwas häufiger wieder, wenn die Patienten eine Extra-Portion Weizenkleie zu sich nahmen. Das Gerücht von den segensreichen Ballaststoffen stammt vom Tropenarzt Dennis Burkitt. Er setzte es 1970 in die Welt. Er hatte beobachtet, dass Menschen im ländlichen Afrika sehr viel mehr Stuhlgang haben, mehr faserreiche Nahrung zu sich nehmen – und kaum an Darmkrebs leiden. Burkitts Denkfehler: Er ließ weitere Unterschiede zum Lebensstil in Industrienationen ebenso außer Acht wie die geringere Lebenserwartung der Afrikaner. Die meisten erreichten gar nicht das Alter, in dem sich Darmkrebs normalerweise entwickelt.
Thomas Wilke / Irene Meichsner





