Wer J.R.R. Tolkiens Jahrhundert-Trilogie „Herr der Ringe“ gelesen hat, der weiß: Die Figur Gollum ist ekelerregend hässlich. Wer Gollum zudem in der Verfilmung des Werkes gesehen hat, wird diesem Urteil umso mehr zustimmen. Doch Hässlichkeit ist vielleicht nicht einmal sein größtes Defizit, denn obendrauf kommt noch sein ausgesprochen mieser Charakter: Gollum ist schmierig, hinterhältig und verschlagen, voller Falschheit und rücksichtsloser Selbstsucht – nur um das eine Ziel zu erreichen: den Ring der Macht zu besitzen, um den sich alles dreht.
Was meinten also Jose Valdez vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung Halle-Jena-Leipzig und John Gould von der australischen University of Newcastle damit, als sie vor zwei Jahren ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster von Forschenden in einem Artikel in der Zeitschrift „Frontiers in Ecology and Evolution“ mit „Gollum-Effekt“ betitelten? Hatten sie dabei womöglich im Sinn, dass der US-Autor Venkatesh Rao den Begriff bereits 2011 in Zusammenhang mit krankhaft überzogener Besitz- und Konsumsucht des Menschen eingeführt hatte?
Wortwörtlich erklärte Rao ihn damals so: „Es handelt sich um einen Prozess, durch den normale Menschen gollumisiert werden: Sie werden zu hohlen Hüllen ihres früheren Selbst, die fast ausschließlich durch ihr Konsumverhalten definiert werden.“
In ihrem Beitrag beschreiben Valdez und Gould jedenfalls anhand einiger Fallstudien, wie Wissenschaftler auf ähnliche Weise gollumisiert werden, indem sie auf unangemessene Weise Besitz von ihren Forschungsthemen ergreifen – und mit zweifelhaften Methoden zu verhindern versuchen, dass eindringende Kolleginnen und Kollegen darin Fuß fassen. Dabei referieren sie unter anderem die folgenden realen Beispiele:
Ein Gutachter einer Fachzeitschrift versuchte, die eingereichte Arbeit eines Nachwuchswissenschaftlers unsachgemäß zu diskreditieren, weil er befürchten musste, dass dessen Ergebnisse die Grenzen seiner eigenen Forschung aufzeigen und somit seinen Status in der Fachwelt gefährden würden.
Ein Institutsleiter setzte einen Doktoranden unter Druck, ihn bei der Veröffentlichung seiner Ergebnisse als Mitautor aufzuführen, obwohl dieser an dem Projekt gar nicht beteiligt war.
Ein Forscher wollte eine experimentelle Methode, die ein Kollege auf einem anderen Gebiet entwickelt und etabliert hatte, erstmals in ganz anderem Zusammenhang anwenden. Als er diesen um die notwendige Unterstützung bat, wimmelte der sein Anliegen jedoch mit der Begründung ab, dass er das gleiche Projekt bereits selbst in Erwägung gezogen habe. Dies jedoch war von vornherein ein reines Täuschungsmanöver, die entsprechenden Untersuchungen führte er jedenfalls nie durch.





