In diesem Sammelband untersuchen 15 renommierte Autoren diese Themenkreise und stellen exemplarische Einzelschicksale von Gestapo-Angehörigen vor. Das Buch ist in drei Abschnitte eingeteilt: Karrieren, Konflikte und Konstruktionen. Im einleitenden Essay stellen die Herausgeber die Situation der Gestapo in Deutschland dar: Denn von den im Februar 1944 gezählten 31.374 Mitarbeitern dürften nach Schätzung der Herausgeber mindestens 25.000 Mitglieder das Ende der NS-Diktatur erlebt haben. Nicht zu Unrecht ist das Plakat des 1946 gedrehten Films „Die Mörder sind unter uns“ auf der Vorderseite des Bandes sehen. Denn nur wenige führende Gestapo-Funktionäre waren Heinrich Himmler freiwillig in den Tod gefolgt; etliche Gefolgsleute waren in die Illegalität abgetaucht und wurden nie mehr gesehen. So lebte Anton Burger aus Eichmanns Judenreferat 46 Jahre unter falschem Namen und starb unerkannt 1991 in Essen. Andere flüchteten über die berüchtigten „Rattenlinien“ von Italien nach Südamerika, Spanien oder den Nahen Osten. Einer der Argentinienflüchtlinge war SS-Obersturmführer Kurt Christmann. Der Gestapo-Beamte, der für die Ermordung von Juden verantwortlich war, kam 1956 wieder nach Deutschland zurück. Erst 1980 wurde Christmann zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.
Ein Fazit ist, dass die 50er Jahre „die große Zeit der zweiten Chance“ für ehemalige Gestapo-Angehörige waren. Wer sich zumindest öffentlich zur demokratischen Republik bekannte und auf neo-nationalsozialistische Betätigung verzichtete, hatte kaum etwas zu befürchten. So brachte es der ehemalige Kommandeur der Sicherheitspolizei Rudolf Bilfinger, Teilnehmer der berüchtigten Wannseekonferenz, zum Oberverwaltungsgerichtsrat am Landesverwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg und Kurt Illers, stellvertretender Kommandeur der Sicherheitspolizei in Paris, wurde Senatspräsident am Landessozialgericht Niedersachsen. Der Sammelband, der sich streckenweise spannend wie ein Krimi liest, bildet den Abschluss einer „Gestapo-Trilogie“, die der wissenschaftliche Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg, Klaus-Michael Mallmann, seit 1995 vorgelegt hat.
Rezension: Carmen Fischer




