Durch unkontrollierte Kettenreaktionen ausgelöst, explodierte ein Reaktorblock in dem kleinen ukrainischen Ort – und erschütterte weltweit den Glauben der Menschen an die „saubere Nuklearenergie“. Die atomare Katastrophe steht aber auch am Anfang vom Ende der Sowjetunion. Der renommierte Wissenschaftler Valeri Legasow, Mitglied der Regierungskommission, die mit der Beseitigung der Havarie-Folgen beauftragt war, sah darin „den Zenit, den absoluten Höhepunkt der Mißwirtschaft, die unser Land nun jahrzehntelang verheert hat“. So wie er dachten viele. Die Geschehnisse in Tschernobyl und Moskau wurden zum Offenbarungseid eines maroden Systems. Sprachlosem Entsetzen folgte eine unkontrollierbare Kettenreaktion in Politik und Gesellschaft, die in einer „Revolution von unten“ mündete. Das Schreckgespenst des drohenden „Ökozids“ mobilisierte in Weißrußland, der Ukraine, im Baltikum und im Kaukasus Millionen von Menschen. Anti-Atomkraft-Bewegungen griffen die Ängste der Bürger auf, um grundsätzlich gegen die Bevormundung durch die Zentralmacht zu demonstrieren. Seit langem schwelende soziale Spannungen gewannen so erheblich an Schärfe. Fast überall kam ein separatistischer „Öko-Nationalismus“ auf. Deshalb verloren sich die damals gerade verkündeten Gorbatschowschen „Reformen von oben“ schon bald in einem gesellschaftlichen Vakuum. Bei der Implosion des Sowjetsystems wirkte die Explosion von Tschernobyl als Katalysator der Auflösungsprozesse. Die Opfer der Nuklearkatastrophe waren zum einen die offiziell als Helden gefeierten „Liquidatoren“, die unfreiwillig oder uneigennützig die Folgen der Explosion eindämmten. Insgesamt waren 834000 Menschen an Sanierungsarbeiten beteiligt und setzten sich dabei hohen gesundheitlichen Belastungen aus. Zum anderen litten die Bewohner der verstrahlten Gebiete unter den Folgen des atomaren Grauens. Über 70 Prozent der in Tschernobyl freigesetzten Radionuklide fielen auf Weißrußland nieder; 23 Prozent seines Territoriums – vor allem im Osten, wo über zwei Millionen Menschen leben – sind noch immer hochgradig verseucht. So wurde in Weißrußland der euphorische Slogan „Ein friedliches Atom in jedes Haus“, mit dem die sowjetische Atomlobby lange geworben hatte, bittere Wirklichkeit und Tschernobyl zum nationalen Trauma…
Dr. Klaus Gestwa




