Diese Maler haben einfach das Licht der Normandie mit dem Pinsel eingefangen und direkt auf die Leinwand getupft. Sie brachten sein Flirren an den Ufern der Seine ins Bild, sein Aufblitzen in der schäumenden Brandung an der Küste von Étretat, seine Mattigkeit im Dunst überm brackigen Hafenwasser von Le Havre, seinen stillen Schimmer im Seerosenteich von Giverny.
Und wir, 150 Jahre später, schauen nun die Natur – Landschaft, Wasser, Licht und Wind – durch die Brille dieser Kunst an, als wäre es das Natürlichste von der Welt. Wir haben uns an den Blick der Impressionisten gewöhnt, ihn uns zu Eigen gemacht. Ihre Gemälde sind keine Aufreger mehr, ganz im Gegenteil wurden sie längst zum Mainstream-Kalenderblatt degradiert, sodass man sich die Ungeheuerlichkeit, die sie in ihrer Zeit darstellten, erst wieder vergegenwärtigen muss. Am besten funktioniert das vor den Originalen, die in der Tat nichts von ihrer sprühenden Frische eingebüßt haben. Noch bis Ende September werden sie – zu hunderten – in der Normandie in sechs großartigen Ausstellungen gezeigt. In Giverny, in Rouen, in Le Havre und in Caen. Übergeordnetes Motto: „Wasser”
Diese Kunst also war für ihre Zeitgenossen ein Affront. Denn die Maler des Impressionismus trugen ihre unverschämt hellen und leuchtenden Farben auch noch mit schnellen, heftigen und sichtbaren Pinselhieben auf.
Unverblümte Natur
Sie malten die Natur draußen, vor Ort. Unverblümt, ohne „Story”, genau so, wie sie sich ihren Augen gerade zeigte – also ohne Quellnymphe, Satyr oder Leda mit Schwan. Und wenn ein Monet, ein Signac oder Pissarro dann doch mal einen Schwan gemalt haben, kann man sicher sein, dass es ein ordinärer Schwan war und kein verkleideter Zeus.
Außerdem malten die Impressionisten mit Vorliebe ihre Familien und Freunde – meist unbedeutende Leute und nicht in repräsentativen Porträtposen, sondern ganz ungezwungen bei harmlosen Freizeitvergnügungen in der Natur: Picknick am Seine-Ufer, Bootchen fahren, Träumen, Strandspaziergang am Meer. Bloß keine tiefere Bedeutung oder gar moralischen Anspruch! Nichts ist festgemauert für die Ewigkeit, nur keine tiefen Wahrheiten, keine Mythenbildung! Zufällig sollten die Szenen aussehen, wie ein spontaner Schnappschuss – die Fotografie war gerade erfunden worden; und die Kunst, ein Motiv am Bildrand so anzuschneiden, dass der Eindruck von Unmittelbarkeit entsteht, konnten sich die Maler von den japanischen Holzschnitten abschauen, die in Paris gerade die Runde machten.
Den vergänglichen Augenblick wollten die Impressionisten feiern, und was ist flüchtiger als das Spiel von Licht und Schatten? Auf dem bewegten Wasser, auf einem Sommerkleid im Wind, einem lächelnden Gesicht beim Tanz? Undramatisch und heiter, natürlich und leicht sei das Leben! Und: Es findet immer nur hier und jetzt statt.




Eine Story, die den Impressionismus mit all seinen Attributen wunderbar zusammenfasst: Der Künstler in Wind und Wetter beim Malen; Meer und Felsen; Wolkenfetzen im wechselnden Licht. Der Eingriff des Zufalls, in dem der Windstoß Monet die Palette aufs Gesicht klatscht; die zwei Sekunden, in denen die Stimmung des Malers so schnell umschlägt wie das Wetter in der Normandie: Der Schrecken in den aufgerissenen Augen wandelt sich blitzschnell in Ärger, der sich über der Nasenwurzel zusammenbraut und sich im nächsten Augenblick schon aufhellt in ein halb geniertes, halb amüsiertes Grinsen; dann Monets Blick nach unten auf seinen langen Bart: mit Farbflecken wild getupft ist er – ein impressionistisches Gemälde, vom Zufall und von der Natur gemalt …
