Diesem Wahrnehmungsproblem widmet sich Nordamerika-Experte Thomas Jeier, der die Geschichte Nordamerikas aus der Perspektive der Indianer neu erzählt. Im Sinne einer Oral History stützt er sich auf mündliche Überlieferungen heute lebender Angehöriger der Cheyenne und Sioux, lässt aber auch Historiker zu Wort kommen. Der Text ist in sich nicht chronologisch geordnet, sondern orientiert sich an speziellen Themenkreisen wie etwa Krieg, Macht oder Religion. Dem Autor geht es dabei um eine wirklichkeitsnahe Darstellung. So waren nicht alle der 500 kulturell verschiedenen Stämme Nomaden, sondern betrieben, wie die Anasazi im Südwesten der USA, Ackerbau und bauten mehrstöckige Lehmhäuser. Indianer führten entgegen der ihnen nachgesagten Naturverbundenheit kein der Nachhaltigkeit verpflichtetes Leben und waren neben weißen Siedlern maßgeblich mitverantwortlich für das Verschwinden der Büffelherden in der Prairie. Daneben schildert Jeier detailliert den langen, viele Opfer fordernden Konflikt zwischen Weißen und Indianern, dessen Folgen bis heute spürbar sind. Hier bezieht der Autor eindeutig Stellung für Letztere, was leider in einer teilweise recht unkritischen Wiedergabe seiner Quellen mündet, was dem Ziel der realitätsnahen Darstellung eher abträglich ist.
Als ergänzende Überblicksdarstellung eignet sich das kürzlich beim Konrad Theiss Verlag erschienene, ebenfalls thematisch gegliederte Werk von Alexander Emmerich „Die Indianer Nordamerikas – Geschichte, Kultur, Mythos“, das verschiedene Aspekte der indianischen Geschichte und deren Kultur schlaglichtartig beleuchtet.
Weitere Literatur zum Thema: Emmerich, Alexander Die Indianer Nordamerikas – Geschichte, Kultur, Mythos Theiss Verlag, Stuttgart 2011 180 S., € 19,95
Rezension: Daniel Tuttenuj




