Von RALF STORK
Im Laufe der Zeit hat die Evolution ein paar fundamentale Grenzen verschoben. Als erste, unübertroffen, die Entstehung des Lebens selbst: Erst gab es nichts außer ein paar Aminosäuren und plötzlich besiedelten Bakterien und Blaualgen das Wasser. Unvorstellbar eigentlich, auch 3,6 Milliarden Jahre später. Bis zur nächsten, ähnlich epochalen Eroberung eines neuen Lebensraums hat es dann noch ein paar Milliarden Jahre Zeit gedauert: Vor etwa 500 Millionen Jahren entwickelten sich erste Pflanzen an Land, dicht gefolgt von den Insekten (vor 480 Millionen Jahren). Ein bisschen später kamen die Wirbeltiere dazu (vor 416 bis 359 Millionen Jahren).
Ein Teil der neu entstandenen Landtiere eroberte vor 400 bis 320 Millionen Jahren schließlich den dritten elementaren Lebensraum für sich: die Luft. Weil Fossilien über einen längeren Zeitraum fehlen, kann der Zeitpunkt des Erstfluges nicht genau bestimmt werden. Das älteste Insekt aber, das mit vollständigen Flügeln erhalten blieb, ist etwa 320 Millionen Jahre alt und wurde 1996 in Deutschland gefunden: Delitzschala bitterfeldensis (benannt nach seinem Fundort im Tagebau Goitzsche in der Nähe von Delitzsch und Bitterfeld). Es hatte zwei Flügelpaare und eine Spannweite von etwa 2,5 Zentimetern. Sein Äußeres erinnert stark an eine Eintagsfliege. Auf den Flügeln lassen sich ein Geäst von feinen Adern und einige unregelmäßig angeordnete Flecken erkennen. Alles schon sehr detailliert und ausgeformt. Irgendwann in den Jahrmillionen davor müssen sich solche perfekten Flughilfen entwickelt haben. Aber wie und woraus?
Im Vergleich zum Landgang der Tiere erscheint der Sprung in die Luft noch ein bisschen spektakulärer zu sein.
Vorteil: ohne Wasser auskommen
Wie Wasserlebewesen das erste Mal in Kontakt mit Land und Luft gekommen sind, kann man sich gut vorstellen: Ein paar Kreaturen wagen sich in der Gezeitenzone immer weiter den Strand hinauf, bis sie in Bereichen landen, in denen sie hin und wieder der Luft ausgesetzt sind. Eine gewisse Toleranz gegenüber der Abwesenheit von Wasser bietet evolutionäre Vorteile: Wer es aushält, hin und wieder nicht von einer Welle überspült zu sein, findet Nahrung in Bereichen, die für alle anderen Tiere unerreichbar bleiben. Und so entstehen im Laufe der Zeit immer mehr Arten, die an ein Leben an Land angepasst sind. Der Übergang war zunächst ein eher passiver Prozess. Die Lebewesen mussten „nur“ für einen immer längeren Zeitraum ohne Wasser auskommen.
Das Fliegen dagegen ist eine aktive Tätigkeit. Dafür braucht es jede Menge Muskeln, vor allem aber Flügel, die sich erst einmal entwickeln und wachsen mussten. Bei den Insekten – und später auch bei den Wirbeltieren – sind sie nicht aus dem Nichts entstanden, sondern aus schon vorhandenen Strukturen, die später zum Fliegen umfunktioniert und weiterentwickelt wurden.





