Nun ist ein Buch mit diesem Titel erschienen, womit genauer das englischsprachige Werk „The Experience Machine“ von Andy Clark gemeint ist. Der Professor für Kognitive Philosophie an der Universität von Sussex versucht darzulegen, „how our minds predict and shape reality“, also wie der menschliche Geist in einem Gehirn dessen Träger oder Trägerin über das unterrichtet, was gewöhnlich als Wirklichkeit bezeichnet wird, jedoch nicht unbedingt mit der Realität identisch ist.
Das aber nur nebenbei, denn der Philosoph der Kognition hat einige erstaunliche Geschichten auf Lager, die man nicht glauben mag. Eine handelt etwa von einem Bauarbeiter, der von einem Gerüst springen musste und dabei so unglücklich auf einen langen Nagel fiel, dass der die Sohle seines Stiefels durchbohrte und an der Spitze austrat. Der Bauarbeiter brüllte vor Schmerzen, verfiel in Agonie und wurde ins Krankenhaus gebracht – wo man jedoch zur allgemeinen Überraschung feststellte, dass der Nagel einfach zwischen den Zehen hindurchgeschlüpft war und nicht einmal einen Kratzer auf der Haut hinterlassen hatte. Die Schmerzen traten als reine Einbildung auf, was der unglückliche Mann trotzdem sehr real zu spüren bekam.
Andy Clark deutet den Befund durch den Hinweis, dass die Art und Weise, wie Menschen die äußere Welt wahrnehmen, nicht nur von den einlaufenden Sinnesdaten abhängt, sondern auch von den Vorhersagen, die ein Gehirn mit diesen Informationen unternimmt. Man spricht in Fachkreisen von einer „predictive processing theory“, also einer Theorie der prädiktiven Verarbeitung von Daten. Das Gehirn interpretiert die Sinnesreize also dadurch, dass es Vorhersagen aufgrund bereits bestehender Kenntnisse trifft und nur die Unterschiede zwischen den neuen und den alten Daten weiterleitet und verarbeitet. Dabei entstehen die „prediction errors“, die vielen Menschen beispielsweise als optische Illusionen begegnet sind, bei denen man ohne Nachdenken Vorhersagen über die Größe und Entfernungen von Gegenständen macht, die man durch Hinweise aus ihrem Umfeld meint gewonnen zu haben.
Offenbar kommt es zu der prädiktiven Verarbeitung auch dann, wenn das Gehirn bloß interne Signale des Körpers verarbeitet. Damit lässt sich erklären, warum manche Menschen das Gefühl bekommen, dass Teile ihres Körpers paralysiert sind, auch wenn dafür kein physischer Grund aufzuspüren ist. Neurowissenschaftler meinen, dass psychosomatische Krankheiten als fehlgeleitetes „predictive processing“ zu verstehen sind, was bedeuten würde, dass Ablenkungsmanöver Betroffenen helfen könnten. Das glaube ich gerne.





