Diese anthropozentrische Sichtweise schleicht sich immer wieder auch in die Wissenschaft ein. So teilte vor Kurzem ein brasilianisches Forscherteam neue Erkenntnisse über Schneckengifte mit – und begann den Artikel mit den Sätzen: „Kegelschnecken sind Meeresschnecken, die eines der stärksten Gifte der Natur besitzen. Diese Gifte, Conotoxine genannt, müssen schnell auf die Beute der Kegelschnecken wirken, da Schnecken extrem langsam sind.“
Sicher, im Vergleich zu uns sind sie das. Aber hätten ein Meeresschwamm, ein Moostierchen oder gewisse Muscheln diesen Artikel geschrieben, würden sie Schnecken sicher nicht als „extrem langsam“ bezeichnen.
Ebenso findet man in der wissenschaftlichen Literatur eine ganze Reihe von Artikeln, die dem Faultier eine „extrem niedrige Stoffwechselrate“ bescheinigen. Erst vor sechs Jahren ermittelten etwa US-Forscher für das Dreizehenfaultier einen Energieumsatz von 162 Kilojoule pro Tag und Kilogramm. Deren Pressekommentar lautete daraufhin: Dreizehenfaultiere sind die langsamsten Säugetiere der Welt.
Das mag erst mal stimmen. Aber dennoch: Treten wir einen Schritt zurück und nehmen die Gesamtheit aller Lebewesen als Bezugsrahmen, sind Faultiere – genauso wie Schnecken – vergleichsweise schnell. Sowohl hinsichtlich der rein physikalischen Bewegung als auch, was die Geschwindigkeit ihres Stoff- und Energieumsatzes betrifft.
Jetzt werden einige sicher sagen: „So ein Schlaumeier! Ist doch klar, dass so gut wie alle Tiere schnell sind, wenn man die ganzen Pflanzen, Pilze und Bakterien mit in die Rechnung nimmt.“
Zugegeben, das trifft zu, wenn man lediglich das Ausmaß physikalischer Bewegung als Messgröße für die Geschwindigkeit nimmt. Dies – und das hat sich vorher ja schon angedeutet – tut der Biologe jedoch nicht! Für ihn ist vielmehr die Stoffwechselrate der Parameter schlechthin für das Lebenstempo. Denn wie man im Biologie-Unterricht lernt, steht eine lebende Zelle in ständigem Austausch mit Stoffen und Energie. Beides muss stetig rein-, durch- und wieder rausfließen, damit die Zelle niemals von einem Fließgleichgewicht in ein stabiles thermodynamisches Gleichgewicht kippt. Passiert ihr das, ist sie nämlich tot. Der ständige Fluss von Stoffen und Energie ist folglich das wesentliche Merkmal des Lebens schlechthin – und daher ganz nebenbei auch das zentrale Maß für dessen Geschwindigkeit.
Und damit haben wir jetzt die Situation, dass die praktisch bewegungslosen Pflanzen, Pilze und sogar viele Bakterien tempomäßig gar nicht mehr so schlecht dastehen. „Bezogen auf die Masse sind die mittleren Stoffwechselraten über sämtliche Organismenreiche hinweg auffällig ähnlich“, zog vor einigen Jahren ein großangelegter Übersichtsartikel zum Thema das Fazit. Archaeen, Bakterien, Pilze, Pflanzen, Tiere – so gesehen leben alle im Mittel gleich schnell.





