In der Wissenschaft zeigt sich diese Begeisterung dadurch, dass die Doppelhelix in das Zentrum der Lebensvorgänge gestellt wird: Alles scheint von ihr auszugehen. Seit 1953 spielt dieses schöne Molekül die erste Geige im Konzert der biologischen Wissenschaften, und so nahm niemand zur Kenntnis, dass der Nobelpreis für Medizin in jenem Jahr dem Biochemiker Hans Adolf Krebs (gemeinsam mit Fritz Lippmann) verliehen worden ist, und zwar für seine Entdeckung des Citratzyklus. Hierbei handelt es sich um einen biochemischen Stoffwechselweg in Zellen, der Energie bereitstellt und beim Abbau von Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen eine Rolle spielt.
Doch obwohl er im Medizinstudium immer noch auswendig gelernt werden muss, löste er nie jene Begeisterungsstürme aus, wie sie es um die Doppelhelix gegeben hat. Der Citratzyklus schien eine zwar nützliche, aber eher umständliche Maschinerie zu sein, von der man nicht erwartete, dass sie viel zu der Frage beitragen könnte, was die Essenz des Lebens sei oder wie es angefangen habe. Die Antworten schienen in der DNA zu liegen, nur dass sich in diesen Tagen das Blatt wendet und zunehmend die Ansicht vertreten wird, dass die eigentliche Aufgabe von Materie, die leben will, darin besteht, den durch die Gesetze der Physik vorgesehenen Tod durch das thermodynamische Gleichgewicht zu vermeiden.
Und so wie ein Flugzeug trotz der Schwerkraft durch Einsatz von Energie steigen und fliegen kann, schaffen es Zellen, durch Energieströme dem Todessog des Gleichgewichts zu entgehen, was den Citratzyklus plötzlich zum Mittelpunkt des Lebens macht. Möglicherweise hat er sogar den Ursprung des Lebens ermöglicht und Strukturen generiert, die Informationen aufnehmen und einsetzen können.
Leben braucht oder ist Bewegung, und jede Bewegung hat eine Richtung und damit ein Ziel. Dies ist „die Teilung in zwei“, die Goethe meinte – und die der DNA nur mit der Energie gelingt, die der Citratzyklus ihr liefert. Die Doppelhelix spielt ab jetzt die zweite Geige, was an ihrer Schönheit nichts ändert. Der Citratzyklus kann sich in zwei Richtungen drehen. In der ersten liefert das chemische Karussell die Energie, die das Leben braucht. Bei der Umkehrung wird diese benutzt, um die Stoffe zu erzeugen, mit denen die Zellen sich selbst und den Organismus errichten, der aus ihnen besteht. Yin und Yang im Zentrum des Daseins. Nicht zu glauben.





