von TIM SCHRÖDER
Die Erfindung des Biokunststoffs begann mit einem handfesten Patentstreit zwischen zwei Tüftlern. Dem Engländer Alexander Parkes war es 1855 gelungen, aus pflanzlicher Zellulose einen Kunststoff herzustellen, den er Parkesine nannte. Da das Material recht spröde war, hatte er damit aber keinen Erfolg. Ganz anders der US-amerikanische Chemiker John Wesley Hyatt: Er mischte dem Parkesine einige Zusätze bei und erschuf damit das Zelluloid – den ersten markttauglichen Kunststoff überhaupt. Er fertigte daraus Billardkugeln und meldete das Zelluloid zum Patent an. Damit rief er Parkes Anwälte auf den Plan. Parkes gewann den Prozess. Der biobasierte Kunststoff wurde zum Renner: Brillengestelle, Messergriffe und Schmuck, die daraus gefertigt waren, kamen in die Läden. Doch mit der Entdeckung des Rohöls als Plastik-Rohstoff ging die Ära des Zelluloids schnell wieder zu Ende.
Die Renaissance des Biokunststoffs ließ bis Anfang dieses Jahrhunderts auf sich warten. Seitdem sind viele Bioplastik-Varianten auf den Markt gekommen. „Bio“ bedeutet in diesem Fall (siehe auch „Biobasiert, biologisch, abbaubar, kompostierbar?“): Die Plastikzutaten werden aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen – etwa aus Zellulose, Stärke oder Zucker. Inzwischen werden diese Stoffe sogar aus Klärschlamm wiedergewonnen.
Flüssiges Holz
Bei der Verwendung der nachwachsenden Grundstoffe gibt es zwei verschiedene Wege. Der eine: Aus ihnen werden Kunststoffe hergestellt, die sich in ihrem chemischen Aufbau von den herkömmlichen erdölbasierten Kunststoffen unterscheiden, also neuartig sind. Ein mittlerweile recht bekanntes Beispiel ist das „flüssige Holz“ der Firma Tecnaro aus Ilsfeld bei Heilbronn.
Die Firma setzt dabei auf den Rohstoff Lignin. Lignin ist eine druckfeste und sehr widerstandsfähige Substanz, die in die Zellwände der Pflanzen eingelagert ist und dem Gewebe Halt gibt. Dass die Sequoia-Mammutbäume im Westen der USA unter ihrem Gewicht von vielen Hundert Tonnen nicht einfach zusammenbrechen, liegt am Lignin. Den beiden Firmengründern und ehemaligen Forschern am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie in Pfinztal bei Karlsruhe war es gelungen, das Lignin mit Bioölen und anderen natürlichen Substanzen zu einer Masse zu vermengen, die im ausgehärteten Zustand Kunststoff sehr ähnlich ist. Das erste Produkt war ein Gehäuse für eine Armbanduhr. Inzwischen gibt es sogar hochwertige Bremsscheiben für Autos, Lautsprechergehäuse und vieles mehr.
Tecnaro ist so erfolgreich, weil sich die Ligninmischung auf herkömmlichen Anlagen der Kunststoffindustrie verarbeiten lässt, etwa auf Spritzgießanlagen, in denen die flüssigen Zutaten in eine Form gepresst werden und zum Bauteil aushärten. Damit hat das Unternehmen aus Ilsfeld eine Hürde genommen, die jedes neue Bioplastik-Material überwinden muss: Maschinen für die Kunststoffindustrie kosten viele Millionen Euro. Sie sind sehr genau auf die Eigenschaften der herkömmlichen Kunststoffe abgestimmt – etwa deren Fließ- und Schmelzverhalten. Wer mit einem neuen Biomaterial groß herauskommen will, tut also gut daran, es so abzumischen, dass es zum etablierten Maschinenpark passt.





